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Bikern aus Rees bei Motorradsicherheits-Training dabei

Reeserin bei Motorrad-Sicherheitstraining : Langsamfahren ist viel schwieriger

Unsere Autorin hat zwar schon seit Jahrzehnten einen Motorradführerschein, setzte sich aber in den vergangenen Jahren nur noch selten auf den Sitz. Für ein besseres Gefühl sollte daher ein Sicherheitstraining sorgen.

Die meisten Frauen bekommen Schmuck oder eine neue Handtasche zu Weihnachten geschenkt, ich bekam etwas ganz anderes: Einen Gutschein für ein Fahrsicherheitstraining auf dem Motorrad.

Ich habe den Motorradführerschein seit über 40 Jahren und bin in den ersten 20 Jahren sehr viel gefahren. Nach der Erkrankung meines Mannes verkauften wir die Maschinen. Er starb vor fünf Jahren. Im letzten Jahr lernte ich jemanden kennen, einen leidenschaftlichen Motorradfahrer.

 Am Ende gab es eine Urkunde.
Am Ende gab es eine Urkunde. Foto: Hartjes

Obwohl ich fast zwei Jahrzehnte nicht auf so einem Gefährt gesessen hatte, traute ich mich, als Sozia mitzufahren. Und nach kurzer Zeit wechselten wir die Plätze. Es ging besser als gedacht. Daraufhin kaufte ich mir im Frühjahr 2020 ein eigenes Motorrad, eine Yamaha Tracer 900. Über 5000 Kilometer fuhren wir damit quer durch Deutschland, das war auch zu Coronazeiten möglich. Das einzige Problem: Sehr enge Kurven trieben bei mir die Schweißperlen auf die Stirn und erhöhten meinen Herzschlag. Deshalb bekam ich den Gutschein.

Am 1. Mai war es soweit: Morgens um sieben Uhr machte ich mich auf den Weg zum ADAC-Fahrsicherheitszentrum Grevenbroich. Die Autobahn war frei, Morgendunst stieg aus den Wiesen empor und die Sonne versuchte, den Nebel zu durchdringen – ich hätte die Fahrt genießen können, wäre es nicht so eisig kalt gewesen: vier Grad Celsius.

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In Grevenbroich angekommen traf ich auf neun weitere Frauen, die das Training absolvieren wollten. Es war eine gemischte Gruppe: mehrere Mädels zwischen 20 und 30 Jahre alt, eine Ü50 und ich, Ü60 – von Führerscheinneulingen bis hin zu erfahrenen Biker-Frauen aus Neuss, Mühlheim, Essen, Wuppertal, Mönchengladbach, Isselburg und ich aus Rees.

Die Anliegen waren recht gleich: Sicherheit beim Fahren und Bremsen, optimales Kurvenfahren und besseres Handling der schweren Maschinen. Warum ein reiner Frauenkurs? Eine Teilnehmerin erzählte: „Ich habe schon mal so einen Kurs mit Männern gemacht. Einige drängelten und überholten mich, während ich vorsichtig die Kurvenfahrt übte.“

Wir lernten Heike Navarro kennen, die Leiterin des Kurses. Sie verfügt über 30 Jahre Motorraderfahrung. „Das wichtigste heute: Kein Stress und habt Spaß!“ begrüßte sie uns, bevor es wie eine Perlenkette hintereinander auf Fahrt über den Parcours ging. Über Funk bekamen wir Anweisungen, zunächst zur Sitzhaltung: Fußballen auf die Rasten, Knie an den Tank, vorne im Sattel sitzen.

Und dann übten wir das Langsamfahren – bedeutend schwieriger als das Schnellfahren: Kupplung ziehen, im ersten Gang bis zum Schleifpunkt ziehen, etwas Gas geben und minimal die Fußbremse nutzen, wenn nötig. „Dazu möglichst nicht umfallen“, dachte ich mir, doch mit Blick auf einen „blauen Container am Horizont“ klappte es ganz gut, sogar im Slalom um Hütchen.

Kurvenfahren war die nächste Herausforderung. Ich konnte punkten mit der Theorie. Bei den Gesprächen zwischen den Übungen - mit corona-konformen Abstand – wurden immer wieder die verschiedenen Aufgaben erklärt. Es haperte bei mir zunächst mit der Praxis. „Du bist zu verkrampft. Locker lassen und die Blickrichtung nicht aufs Motorrad, sondern weiter nach vorne richten“, erklärte Heike geduldig. „Dabei immer etwas Gas geben in der Kurve, der Motor braucht Futter, damit er stabil bleibt. Euer Joker dabei ist die hintere Bremse.“ Nach gefühlt 300 Kurven hatten wir es alle drauf: wie man Kurven drückt und legt. Und ich traute mir sogar einen „Hanging-off light“ zu. Zwar schleiften dabei meine Knie nicht auf den Boden, aber immerhin hing ein Teil meines Gesäßes in der Linkskurve neben dem Sitz. Das sah schon ein bisschen spektakulär aus!

Im Laufe des Kurses nahm die Selbstsicherheit zu: einhändiges Slalomfahren, Vollbremsung aus 40 Kilometer Geschwindigkeit – kein Problem. Auch das Ausweichen um ein Hindernis herum war ein Programmpunkt. Heike hatte dafür fünf große Gumminoppen auf die Fahrbahn gelegt. „Das soll ein Smart sein“, sagte sie und erklärte: Kupplung ziehen, dann ist der Antrieb weg, und ausweichen. Nachdem wir bereits sechs Stunden auf den „Mopeds“ geübt hatten, meisterten wir die Sache ohne Probleme, bis Heike uns kurz vor dem Hindernis die Richtung angab. „Links“, rief sie bei mir, ich reagierte zu spät und „überfuhr“ den Smart. Glücklicherweise war das kein echter.

Und noch eine Herausforderung wartete auf uns: Bremsen auf regennasser Fahrbahn. Dazu wurde der Platz unter Wasser gesetzt. Wir stellten fest: Das war mit ABS überhaupt kein Problem.

Auch wenn ich vor Beginn des Kurses etwas nervös war, der Tag hat einfach Spaß gemacht und ich habe eine Menge gelernt. Das, was man da an Tipps und Tricks mitbekommt, erfährt man nicht in der Fahrschule. Zudem gingen wir in der Gruppe sehr gesellig und rücksichtsvoll miteinander um, es wurde genügend Abstand gehalten, damit jeder in Ruhe üben konnte. Nach insgesamt acht Stunden bekamen wir eine Urkunde.

Ich würde jedem so einen Kurs empfehlen, nicht nur Führerscheinneulingen, sondern auch Wiedereinsteigern. Auch wenn ich am nächsten Tag Muskelkater in Beinen, Gesäß und Schultern hatte, das war die Sache wert. Mein nächster Kurs wird wahrscheinlich das Handling der Maschine zum Thema haben. Denn wie man es schafft, ein fünf Zentner schweres Motorrad, das auf einem Schotterweg umfällt, alleine wieder hochzuhieven, wenn man selber weniger als ein Viertel des Fahrzeuggewichts auf die Waage bringt, das ist für mich noch ein Geheimnis. Und Heike hat versprochen, dass das in dem Kurs gelüftet wird.