Emmerich: Audiovisuelles Erleben im Museum Goch

Emmerich : Audiovisuelles Erleben im Museum Goch

Die Bildhauerin und Installationskünstlerin Julia Bünnagel stellt im Museum Goch aus. Die mathematischen Zusammenhänge von Geräusch und Gestalt, von Linien und Flächen interessieren sie besonders.

Wer ihre Ausstellung besucht, wird vermutlich auch Lust haben, der Einladung zum Easy Listening des Mixtapes "L'arte dei Rumori" zu folgen. Denn die Bildhauerin und Installationskünstlerin ist zudem Soundperformerin. Julia Bünnagel aus Köln, Jahrgang 1977, ist, wenn sie ihre zerkratzten, überlackierten Platten abspielt, auch mal DJ. Studiert hat sie an der Düsseldorfer Kunstakademie, die Musik - oder besser der Sound - ist eine Leidenschaft, die mehr und mehr dazu kam. Licht, Raum, Architektur, sogar Wahrnehmungstheorie sind Bereiche, die in ihre Arbeit hineinwirken. Das Museum Goch zeigt jetzt einige ihrer Werke in der Ausstellung "I'm not shining, I'm burning".

"Wir haben Julia Bünnagel schon länger im Blick, wie viele andere junge, zeitgenössische Künstler aus dem Rheinland", erklärt Dr. Stephan Mann, Direktor des Gocher Museums. Die Kunstschaffende und Dozentin beschäftige sich genau mit der Frage, die auch für ihn und sein Team immer relevant sei: Mit welchen Sinnen nehmen wir was wie wahr? Was passiert dabei mit uns?

Julia Bünnagel arbeitet mit Licht, Form, Klängen, aber auch mit Worten. Ihre Installation "Think for yourself and question authority" fordert dazu auf, scheinbar eindeutigen Botschaften zu misstrauen. Jedes Wort hat sie aus schwarzen Boxen, die an die Lautsprecher der 80-er Jahre oder an Dream-Machines erinnern, herausgesägt. Wie Strichcodes wirken die einzelnen Buchstaben, die ohne Licht nicht auskommen. Und sie leuchten nicht einfach, weil im Inneren der Boxen Lichter installiert sind, sie flackern, denn die Störung ist mit eingebaut. Und das Knistern oder Klicken, das die ganze Zeit wahrzunehmen ist, unterstützt diese Irritation noch. "Manche Leute können dieses permanente Geräusch nur kurze Zeit ertragen, für andere hat es etwas Beruhigendes", weiß Bünnagel. Wen der visuelle und akustische Reiz überfordert, der kann sich in das nächste Werk versenken, das auf der Rückseite der raumteilenden weißen Wand zu sehen ist. "Where words end" heißt die Arbeit, die aus in weißen Untergrund gesägten Linien besteht. Alle weisen über die vorhandene Fläche hinaus,wenn sie auch durch die Kanten des Untergrunds begrenzt sind. Die versenkten Linien sind "minimal dreidimensional und deshalb fast eine Bildhauerarbeit", erklärt die Künstlerin. Das Licht ist für die Wirkung ganz entscheidend, denn Höhenunterschiede bewirken Schatten. Entsprechend tüftelten Julia Bünnagel und die Mitarbeiter des Museums gerade an diesem Thema lange herum.

Die scheinbare Wirklichkeit, die von den Sinneseindrücken des Betrachters abhängt, von seinen Seherfahrungen und seiner neuronalen Befindlichkeit, lässt bei diesem Werk sehr individuelle Erkenntnisse zu. Es gibt auch Nachprüfbares, aber darauf wird ohne den Tipp der Erfinderin kaum jemand kommen: Die sich kreuzenden Linien formen die Worte "Where words end" - Suchen erlaubt, aber nicht unbedingt nötig.

"Echte" Bildhauerarbeit, schwebende Objekte aus metallenen Streben, gibt es auch. Dabei hält sich die Künstlerin nicht an bekannte geometrische Formen, spielt allerdings mit Dreiecken, die für sie als besonders stabile Konstrukte der Mechanik interessant sind. Klar, dass sich die an Acrylfäden hängenden Objekte im Lufthauch bewegen, sich die Sicht darauf entsprechend ändert - ein Hinweis auf die kinetische oder kybernetische Kunst, die Julia Bünnagel ebenfalls interessiert. Nicht nur der Betrachter reagiert auf Kunst, auch die Objekte selbst verändern sich durch Licht und Bewegung.

Bei "L'arte dei Rumori", terminiert für den 6. Mai, wird Noise (Geräuschmusik) anderer Künstler mit rhythmischen Sounds vermischt, die Julia Bünnagel auf ihren "modifizierten", also lackierten, beklebten und eingeritzten Platten, entstehen lässt. Etwas zu trinken dazu gibt's auch.

(RP)
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