Tabak-Tourismus in Emmerich „Wir werden von Niederländern überrannt“

Emmerich · In den Niederlanden ist Tabak horrend teuer geworden, zudem werden Zigaretten bald nicht mehr in Supermärkten verkauft. So zieht es viele nach Deutschland. Bei Kuster Energy in Emmerich spricht man von Ausnahmezuständen.

 Pim Groot Obbink, Regionalleiter bei Kuster Energy, spricht von Ausnahmezuständen in seinen Tankstellen in Emmerich. Der Tabak-Tourismus ist gewaltig angezogen, und die Nachfrage dürfte sogar noch steigen.

Pim Groot Obbink, Regionalleiter bei Kuster Energy, spricht von Ausnahmezuständen in seinen Tankstellen in Emmerich. Der Tabak-Tourismus ist gewaltig angezogen, und die Nachfrage dürfte sogar noch steigen.

Foto: Maarten Oversteegen

Es ist ein offenes Geheimnis: An Diesel und Benzin verdienen Tankstellen heute kaum mehr. Deutlich lukrativer sind die Shops, in denen heute nicht nur Zeitungen, Getränke oder Süßigkeiten verkauft werden. Viele Verkaufsstellen wurden zu kleinen Cafés umgebaut, in denen auch Kaffee, belegte Brötchen oder Würstchen angeboten werden.

Die Tankstellen in der Grenzregion aber haben noch einen anderen Verkaufsschlager: Tabak. „Zigaretten liefen schon immer gut, aber derzeit werden wir von Niederländern überrannt. Seit dem Jahreswechsel hat sich das Kundenaufkommen verzehnfacht“, sagt Pim Groot Obbink, Regionalleiter beim niederländischen Unternehmen Kuster Energy, das allein in Emmerich drei Tankstellen betreibt. „In den vergangenen zwei Wochen war es extrem, Ausnahmezustand.“

Der Grund: Zum 1. April hat der niederländische Staat die Abgaben auf Tabak erhöht. Eine Packung Zigaretten kostet so im Durchschnitt 11,10 Euro, bislang waren es neun Euro. Bei uns sind es etwa acht Euro. „Der Preisunterschied ist gewaltig“, sagt Obbink. Ein weiteres Beispiel: Drehtabak sei im Königreich mehr als doppelt so teuer, in den Niederlanden seien es etwa 25 Euro, bislang 17 Euro. Ein Kilo Tabak kostet in den Niederlanden knapp 500 Euro, hierzulande sind es 225 Euro. „Zu Jahresbeginn ging es schon los, das Kundenaufkommen steigt aber kontinuierlich. Seit Anfang April geht es durch die Decke“, so der Niederländer. In der Rheinstadt hatte man sich vorbereitet. Am Kapellenberger Weg, kurz vor der Autobahnauffahrt, hat Kuster Energy extra für die Niederländer eine zweite Kasse eingerichtet. „Sonst könnten wir den Ansturm überhaupt nicht bewältigen“, sagt Obbink. An der Ostermayerstraße wurde das Lager wiederum deutlich ausgebaut.

Und Pim Groot Obbink rechnet damit, dass die Nachfrage noch steigen wird. Der Grund: Die Verfügbarkeit wird jenseits der Grenze ab Juli deutlich eingeschränkt. In Supermärkten oder Tankstellen ist der Verkauf dann verboten, Zigaretten gibt es bloß noch in spezialisierten Tabakläden, die derzeit wie Pilze aus dem Boden schießen. „Der niederländische Staat will, dass die Leute nicht mehr rauchen. Die Rechnung geht aber nicht auf, weil die Leute dann einfach über die Grenze nach Deutschland fahren und sich hier versorgen“, sagt Obbink.

Auch der niederländische Tabak-Branchenverband VSK hatte scharfe Kritik geäußert. Die Steuererhöhung werde dazu führen, dass mehr Raucher Zigaretten und Drehtabak im Ausland kaufen. „Ein Viertel der in den Niederlanden gerauchten Zigaretten kommt bereits aus dem Ausland“, sagte VSK-Direktor Jan Hein Sträter. „Beim Drehtabak sind es bereits 37 Prozent.“ Befürworter der Gesetzesnovelle verweisen auf den Gesundheitsschutz, zumal: Das Kabinett in Den Haag strebt eine rauchfreie Generation ab 2040 an. Dann soll kein Jugendlicher mehr rauchen, der Anteil unter Erwachsenen soll unter fünf Prozent liegen.

Früher sei es so gewesen, dass zuvorderst Tagesausflügler, die nach dem Besuch in der Region das Auto volltankten – Preisvorteil inklusive – noch eine Packung Zigaretten mitnahmen. Die Menschen seien aus Arnheim, Nimwegen oder Doetinchem gekommen; aus der näheren Umgebung eben. „Heute kommen Leute aus Den Haag, Rotterdam oder Utrecht gezielt zu uns. Sie haben dann häufig in der Nachbarschaft oder in der Familie Bestellungen aufgenommen“, sagt Obbink. So komme es nicht selten vor, dass Niederländer in Emmerich vierstellige Beträge in Tabak investieren. „Das ist wirklich unglaublich“, sagt der Regionalleiter.

Übrigens: Wer im großen Stil in Deutschland Tabak einkauft, sollte zusehen, sich an der Grenze nicht von niederländischen Zollbeamten erwischen zu lassen. Man darf nämlich maximal 800 Zigaretten, 200 Zigarren und ein Kilo Tabak steuerfrei über die Grenze mitnehmen. Wer vom Zoll mit größeren Mengen erwischt wird, muss mit einer empfindlichen Geldstrafe, in Ausnahmefällen sogar mit einer Freiheitsstrafe rechnen.

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