Rees: Als Märklin Lehrgänge anbot

Rees: Als Märklin Lehrgänge anbot

Die Geschichte der Familie Bauer und ihres Spielwarenladens am Kirchplatz 10. Es war die große Zeit der Modelleisenbahnen und die Spielwarenmesse in Nürnberg ein Muss für die Familie.

Zwölf Berichte aus der Reeser Stadtgeschichte enthält der elfte "Geschichtsfreund". Die Jahrespublikation des Geschichtsvereins Ressa ist zum Stückpreis von acht Euro in der Bücherecke und beim BürgerService im Reeser Rathaus erhältlich. Einer der Beiträge ist dem früheren Spielwarengeschäft Bauer am Kirchplatz gewidmet. Gerade zur Weihnachtszeit werden sich viele Reeser daran erinnern, wie sie dort einst die Nase an die Schaufenster pressten und die Modelleisenbahnen und andere Kinderträume bestaunten.

Die Kunden, die nicht selten extra aus den Niederlanden anreisten, vertrauten Georg Bauers Fachwissen, wenn sie Eisenbahnen der schwäbischen Traditionsmarke Märklin kaufen wollten. "Mein Mann nahm regelmäßig an Lehrgängen teil und besuchte oft das Märklin-Werk in Göppingen", erinnert sich Marianne Bauer an die berufliche Leidenschaft ihres 1989 verstorbenen Mannes.

Nachdem Georg Bauer aus russischer Kriegsgefangenschaft heimgekehrt war, übernahm er in den 1950er Jahren das Reeser Geschäft am Kirchplatz 10. Gegründet hatte es neun Monate zuvor ein aus Berlin stammender Einzelhändler namens Linke. Er verkaufte Spielwaren, Geschenkartikel und Haushaltswaren, die er mit dem Spruch "Hast Du wenig Pinke, Pinke, geh' mal schnell zu Linke" bewarb. Georg Bauer, Sohn eines Kaminkehrmeisters aus Bayern, und Marianne Bauer, die aus Oberhausen stammt, führten Linkes Warensortiment fort, setzten aber auch zwei neue Schwerpunkte: "Ich verkaufte Porzellan, weil ich das gelernt hatte, mein Mann bezog die Märklin-Eisenbahnen und andere Markenprodukte über den Spielzeug-Ring", sagt Marianne Bauer.

Diese Einkaufsgenossenschaft der Vereinigung Deutscher Spielwarenhändler (Vedes) ermöglichte ihren Mitgliedern den vergünstigten Einkauf exklusiver Marken, die anderen Händlern verwehrt blieben. Dazu gehörte neben Steiff und Märklin auch das Modelleisenbahnzubehör von Faller.

Georg Bauer mit Weihnachtsgeschenken aus dem Laden seiner Eltern. Foto: Ressa

Die Bauers wohnten im Eckhaus, in dem auch das Geschäft war. Im Juni 1957 kam der einzige Sohn der Familie zur Welt und wurde - nach bayrischer Tradition - auf den Namen des Vaters getauft. Die Nachbarn gratulierten mit einem Schild im Schaufenster: "Firmiere ab heute: Bauer und Sohn!"

Die Fotoalben, die Georg Bauer einst akribisch beklebte und beschriftete, zeugen von vielen Weihnachtsfesten, zu denen der Junior mit Modelleisenbahnen, Blech- und Holzautos und weiteren Spielwaren aus dem Warensortiment seiner Eltern beschenkt wurde. Die Fotos zeigen aber auch eine große Modelleisenbahnanlage: "Wir hatten dafür ein Zimmer unserer Wohnung freigeräumt, dort standen auch besonders wertvolle Lokomotiven", sagt Marianne Bauer. "Kunden, die intensive Beratung wünschten oder nicht beim Einkaufen beobachtet werden wollten, konnten dort in aller Ruhe mit meinem Mann sprechen. Er zeichnete ihnen auch exakte Pläne auf, wie sie die Modelleisenbahn zu Hause aufbauen konnten."

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Auch Marken wie Playmobil und Lego verkauften sich gut, obwohl sie auch im Spielwarenladen Raffel in der Dellstraße und im ersten Reeser Supermarkt, auf dem Gelände der ehemaligen Tabak- und Pfeifenfabrik Dobbelmann am Friedhof angeboten wurden. Der Dezember brachte so hohe Umsätze wie kein anderer Monat: "Vor Weihnachten hatten wir sehr viel zu tun", erinnert sich Marianne Bauer. "Wir waren bis in die Nacht hinein unterwegs, weil wir Ware ausliefern mussten."

Viele Kunden hatten keinen eigenen Wagen, deshalb starteten die Bauers den Motor ihres Opel-Kombis und brachten größere Spielsachen wie Puppenwagen und Eisenbahnsets direkt zu den Käufern im ganzen Stadtgebiet. "Vieles musste spät abends geliefert werden, damit die Kinder schon schliefen und uns nicht sahen", sagt Marianne Bauer. Einmal im Jahr fuhren die Bauers mit ihrem Opel zur Internationalen Spielwarenmesse nach Nürnberg. Dort informierten sie sich einerseits über neue Trends der Branche, andererseits besuchten sie Verwandte in Nürnberg.

Als Georg bauer 1989 im Alter von 60 Jahren starb, gab Marianne Bauer den Laden auf: "Ich kannte mich mit den Modelleisenbahnen, die unser Kerngeschäft waren, nicht gut aus, und auch mein Sohn, der in Passau lebt, wollte den Laden nicht betreiben."

Georg Raats, ein Märklin-Freund und langjähriger Kunde der Bauers, kaufte das Inventar. Der neue Inhaber übernahm den Mietvertrag und firmierte auch weiterhin unter dem Namen Georg Bauer. "Herr Raats hat den Laden weiterbetrieben, ist aber leider drei Jahre später gestorben", sagt Marianne Bauer.

Der Spielzeugladen wurde endgültig geschlossen, die Bäckerei Gerards eröffnete dort eine ihrer Filialen.

Marianne Bauer lebt weiterhin am Kirchplatz. In ihrer Wohnung erinnern - neben den vielen Fotoalben - nur noch ein Teddybär und eine Stoffschildkröte an die berufliche Vergangenheit der Familie: "Die Steiff-Tiere habe ich nach der Schließung des Ladens mitgenommen. Sie sitzen bei mir in der Diele."

(RP)
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