RP-Serie Erster Weltkrieg: Als die Millinger Kirchenglocke in den Krieg ziehen musste

RP-Serie Erster Weltkrieg : Als die Millinger Kirchenglocke in den Krieg ziehen musste

Obwohl sie aus dem 17. Jahrhundert stammte, wurde die Marienglocke aus Millingen im Ersten Weltkrieg zweckentfremdet und wegen der Materialknappheit für die Waffenproduktion eingeschmolzen.

Ihr Läuten kann Verschiedenes bedeuten: Trauer, Freude, Einladung zum Gottesdienst und vieles mehr. Aber dass Kirchenglocken auch zu Waffen wurden, ist sicherlich vielen unbekannt.

Im Ersten Weltkrieg wurden insgesamt 65 000 Glocken zur Waffenherstellung eingeschmolzen. Man hatte es vor allem auf die in ihnen enthaltene Bronze abgesehen.

Während die Kirchenglocken anfangs noch die Kriegsgesänge unterstützten und bei erfolgreichen Schlachten zum Zeichen des Sieges läuteten, verstummten im weiteren Verlauf des Krieges an vielen Orten die Glocken.

1917 wurde die Millinger Marienglocke, die aus dem Jahr 1696 stammte, zum "Kriegsopfer" und zum Einschmelzen abtransportiert. Foto: Stadtarchiv Rees

Das geschah 1917, drei Jahre nach Kriegsbeginn. Die Metalle für Bomben, Granaten und ähnliche Waffen wurden knapp und man kam auf die Idee, die mächtigen Kirchenglocken für diesen Zweck zu verwenden. Dafür wurden sie auf so genannte "Glockenfriedhöfe" gebracht. Für die abgelieferten Glocken erhielten die Gemeinden eine Entschädigung. Bei über 665 Kilogramm Gewicht wurden zwei Mark pro Kilogramm zuzüglich einer Grundgebühr von 1000 Mark gezahlt, bei unter 665 Kilo 3,50 Mark je Kilo, allerdings ohne zusätzliche Grundgebühr. So geschah es in der Zeit vom 25. Juni bis zum 1. Juli 1917 auch in Millingen: Die Marienglocke aus dem Jahr 1696 wurde aus ihrem Turm entfernt, um, wie es ein Millinger Chronist (kaiserlicher Lehrer) schrieb "mit vielen ihrer Schwestern in den aktiven Kriegsdienst einzutreten." Es war jetzt nicht mehr ihre Aufgabe, die Gläubigen zum Gottesdienst zu rufen, sondern "dem Feinde Botschaft zu bringen von deutscher Einigkeit und Kraft, aber nicht mit melodischem Klang — nein — in berstendem Ton! Zerschmetternd! Mordend!"

Norbert Behrendt hat dieses Zeitdokument vor kurzem in der Ausstellung zu seinem neuen Buch in Millingen gezeigt.

Erstaunlich hierbei ist, dass normalerweise Glocken, die vor dem Jahr 1860 gegossen wurden, verschont blieben. Dafür musste die Glocke verschiedene Kriterien erfüllen: Sie musste entweder einen besonderen geschichtlichen oder künstlerischen Wert haben, es wären hohe Einbaukosten für eine Ersatzglocke entstanden oder das Läuten der Glocke war aus unterschiedlichen Gründen unbedingt notwendig.

Es lässt sich heute jedoch nicht mehr zurückverfolgen, warum die Marienglocke ausgeliefert wurde.

(jule)
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