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20 Säuglinge wurden im Zweiten Weltkrieg von Familien in Rees aufgenommen

Spurensuche : Was wurde aus 20 Reeser Pflegekindern?

1945 nahmen Reeser Familien 20 Säuglinge auf, die die Wirren des Krieges an den Niederrhein gebracht hatten. Als die Front näher rückte, wurden die Kinder fortgebracht. Agnes Jay vom Reeser Geschichtsverein sucht jetzt Zeitzeugen.

Die bewegenden Ereignisse lagen 55 Jahre zurück, als Else Lörcks in einem Interview davon erzählte. Dann vergingen fast 20 weitere Jahre, bis Agnes Jay auf ein bestimmtes Schicksal im ereignisreichen Leben ihrer Mutter stieß. Für einen Beitrag im aktuellen Jahrbuch des Reeser Geschichtsvereins wertete die pensionierte Lehrerin Agnes Jay ein Interview aus, das Ewald Kersten und Stadtarchivarin Tina Oostendorp schon im Jahr 2000 mit Else Lörcks geführt hatten.

Die gelernte Kinderkrankenschwester, eine geborene Marxen, holte von 1934 bis 1980 als freipraktizierende Hebamme im Großraum Rees mehr als 6000 Kinder auf die Welt. Im aufgezeichneten Interview erzählte Else Lörcks, die 2007 im Alter von 96 Jahren starb, auch die weitgehend unbekannte Geschichte von 20 Babys und Kleinkindern, die so unverhofft nach Rees kamen wie sie mehrere Monate später wieder fortgeschafft wurden. Agnes Jay hofft, Zeitzeugen zu finden, die ihr mehr über jene Ereignisse erzählen können, die Else Lörcks wie folgt schilderte:

„Als der Krieg schon näherkam, hatten die Deutschen kleine Kinder und Babys in Holland untergebracht. Betreut wurden sie von braunen Nazi-Schwestern, die auch holländische Angestellte hatten. Eines Tages sind die braunen Schwestern vor den anrückenden Alliierten geflüchtet und ließen die Kinder zurück. Die Wehrmacht war noch vor Ort, weshalb die Holländer sagten: Jetzt bringt die Kinder mal zurück nach Deutschland! Was sollen wir hier mit denen, wenn die braunen Schwestern nicht mehr da sind? Die Holländer fertigten eine Liste an, auf der stand, wie die Kinder hießen und was sie zu essen brauchten.

Mit dieser Liste transportierte die Wehrmacht sie nach Emmerich. Das dortige Krankenhaus verweigerte aber die Annahme, weil 20 Säuglinge über die Kapazität des Hauses hinaus gingen. Die Soldaten fragten, was sie denn mit den Kindern machen sollten, die müssten doch etwas zu essen bekommen. Die Antwort lautete: Fahrt damit nach Rees!

In Rees war das Krankenhaus aber auch nicht aufnahmefähig. So ging eine Durchsage durch die Stadt, dass 20 unversorgte Kinder betreut werden müssen. Ich habe mich sofort gemeldet und ein Kind aufgenommen. Ich hatte noch die Säuglingsausstattung unseres ersten Kindes, das zehn Tage nach der Geburt gestorben war, und kümmerte mich mit um die Organisation der Verteilung der anderen Kinder. Wer eines aufnehmen wollte, musste über Kinderkleidung und Bettchen verfügen. Die Reeser haben die 20 Säuglinge sofort aufgenommen.

Über die Herkunft der Kinder gab es keinerlei Informationen. Wie sich später herausstellte, war der Vater des Jungen, den ich aufgenommen hatte, in Russland vermisst oder in Gefangenschaft geraten und die Mutter war unheilbar tuberkulosekrank in einer Sterbeklinik. Dieser Mutter schrieb ich, wir möchten ihr Kind adoptieren. Sie stimmte zu. Wenn sie ihr Kind in guten Händen wisse, könnte sie in Ruhe sterben.

Der Adoptionsantrag wurde gestellt, aber abgelehnt mit der Begründung, wenn der Vater in Gefangenschaft sei, könnte die Adoption nicht gestattet werden.

Die Front kam immer näher. Ohne Vorwarnung erhielten wir die Information, die Kinder müssten nach Mitteldeutschland, weil es für sie in Rees viel zu gefährlich sei. Sie wurden nachts aufgeladen. Es gab einen tränenreichen Abschied, die Kinder und die Pflegemütter weinten. Ich gab meinem Pflegekind, das bei uns Laufen gelernt hatte, einen großen Brief mit auf den Weg, was es zu essen braucht. Der Junge war kerngesund und ich hätte ihn so gern bei uns behalten. Leider habe ich von ihm nie mehr etwas gehört.“

Agnes Jay fragt: „Wer kennt vergleichbare Geschichten aus Rees und wer hat sogar noch Kontakt zu Männern oder Frauen, die circa 1944/45 als Baby oder Kleinkind nach Rees und später nach Mitteldeutschland gebracht wurden?“ Agnes Jay ist unter der Mailadresse info@ressa.de erreichbar.

Auf der Basis weiterer Zeitzeugeninterviews möchte sie einen Beitrag für den „Reeser Geschichtsfreund“, das Jahrbuch des Reeser Geschichtsvereins, schreiben. Der aktuelle Band Nummer 13, der unter anderem die Geschichte der Hebamme Else Lörcks erzählt, ist zum Preis von 10 Euro in der Reeser Touristeninformation am Markt oder über die Internetseite www.ressa.de erhältlich.

Der 14. Band wird im Dezember 2020 erscheinen und kostenlos an die derzeit 190 Mitglieder des Reeser Geschichtsvereins geliefert.