Duisburg: Wo der Italiener als Restaurant ein Georgier ist

Duisburg: Wo der Italiener als Restaurant ein Georgier ist

Navid Kermani las aus "Entlang den Gräben".

Der 1967 in Siegen geborene Kölner Publizist hat seine genaue Beobachtungsgabe und seine farbige Schreibe in seinem jüngsten Buch "Entlang den Gräben" einer Reise auf dem Landweg durch das östliche Europa gewidmet - bis nach Isfahan im Iran, der Heimat seiner Eltern. Jetzt las er daraus im Rahmen der 39. Duisburger Akzente "Nie wieder Krieg?" in der ausverkauften Zentralbibliothek. Es geht um Gegenden, die seit Jahrhunderten von Krieg und Zerstörung gezeichnet sind und wo die Menschen traumatisiert sind - wo die starken Kulturen ihnen aber zugleich wie eh und je das geistige und emotionale Überleben sichern.

Wo kulturelle Grenzen verlaufen, darauf kann Navid Kermani ganz neues Licht werfen. Bis in die 1930er Jahre sah sich Deutschland nicht als Westeuropa, sondern als Mitteleuropa. In Aserbaidschan war die Sprache der Gebildeten um 1900 Deutsch, daraus gingen viele bedeutende deutschsprachige Schriftsteller hervor. Das "gute deutsche dunkle Brot" gibt es auch in Polen und Litauen, aber eben nicht in Frankreich und Belgien. Polnische Küche schmeckt für Kermanis orientalischen Gaumen ganz deutsch. Auf dem Markt in Duisburgs litauischer Partnerstadt Vilnius kommen die Südfrüchte nicht aus Italien oder Spanien, sonder aus Armenien oder Moldawien. Auch in den Städten des östlichen Europas gibt es südliche Restaurants - aber nicht wie im westlichen Teil als "Italiener", sondern als "Georgier". In Litauen sind die stalinistischen Verbrechen präsenter als die der Nazis, obwohl dort 30 Prozent der Bevölkerung (95 Prozent aller litauischen Juden) dem Holocaust zum Opfer fielen (zum Vergleich: in Deutschland nur ein Prozent). Im benachbarten Weißrussland dagegen erinnert man sich eher an das Viertel der Bevölkerung, das beim Rückzug der Wehrmacht ermordet wurde, als an das andere Viertel, das danach in der Sowjetunion an der Reihe war - nicht der erste Massenmord dort seit dem 17. Jahrhundert.

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Kermani ordnet die historischen und kulturellen Zusammenhänge, zeigt Verständnis und Empathie, wertet allenfalls in einem zweiten Schritt. Dabei entstehen plastische Bilder, etwa von der ehemaligen "sowjetischen Musterstadt" Minsk oder von einem sterbenden weißrussischen Dorf. Die Zukunft des Iran sieht er in den Händen von starken Frauen - so wie die dortige Reitlehrerin seiner kleinen Tochter, die selbst "echte Kerle" im Griff hat.

(RP)