Burak Yilmaz: "Wir holen die Geschichte vor die Haustür"

Burak Yilmaz: "Wir holen die Geschichte vor die Haustür"

Burak Yilmaz fährt jedes Jahr mit jungen Muslimen zum ehemaligen KZ in Auschwitz. Viele von ihnen realisierten dort erst, was Antisemitismus bedeutet, und hätten Mitgefühl für Menschen, die bisher ihr Feindbild waren, sagt er.

Burak Yilmaz (30) leitet in Duisburg das Projekt "Junge Muslime in Auschwitz", dafür kooperiert der Pädagoge mit dem Zentrum für Erinnerungskultur in der Stadt. Jedes Jahr nehmen etwa zehn junge Männer daran teil. Sie sind zwischen 16 und 26 Jahre alt, ihre Eltern oder Großeltern sind aus der Türkei oder einem arabischen Land nach Deutschland gekommen, viele wuchsen mit Vorurteilen gegenüber Juden auf. Im Duisburger Projekt sprechen sie über Antisemitismus, den Holocaust sowie den Nahost-Konflikt. Schließlich fahren sie nach Auschwitz und besuchen die KZ-Gedenkstätte. Die Idee kam nicht von Yilmaz selbst, sondern von den Jugendlichen: Sie wollten mehr über den Holocaust wissen, als sie in der Schule und zu Hause lernen.

Her Yilmaz, wie erleben Sie Antisemitismus in Duisburg?

Burak Yilmaz "Jude" wird von den vielen Jugendlichen als Schimpfwort verwendet, als Synonym für dreckig, hinterhältig oder abgezockt. Oder auch für geizig. Wenn zum Beispiel jemand nicht mit seinen Freunden zu McDonald's gehen will, dann wird er als "Jude" beschimpft. Ich glaube zwar nicht, dass Antisemitismus unter den jungen Muslimen in Duisburg verbreiteter als in der gesamten Gesellschaft. Aber viele trauen sich nicht, den Mund aufzumachen, wenn jemand Vorurteile gegen Juden verbreitet. Sie wissen auch nicht, was sie sagen sollen. Viele Familien haben ihre Informationen aus ihren Heimatländern und arabischen TV-Sendern, sie kennen einfach kein anderes Bild von Israel.

Und deshalb sind Sie auf die Idee gekommen, mit jungen Muslimen nach Auschwitz zu fahren?

Yilmaz Es gab vor einigen Jahren ein Schlüsselerlebnis. Ein Jugendlicher erzählte mir, dass er sich nicht für die deutsche Geschichte interessiere, weil seine Lehrer ihm täglich das Gefühl geben würden, dass er kein Deutscher sei, obwohl er einen deutschen Pass hat. Dieser Satz hat meine Kollegen und mich sehr beschäftigt, weil es bedeutete, dass sich dieser Jugendliche auch nicht mit dem Holocaust auseinandersetzte. Das wollten wir nicht hinnehmen, wir sprachen noch mit anderen Jugendlichen darüber. Von ihnen kam daraufhin der Vorschlag, eine KZ-Gedenkstätte zu besuchen, um sich ein eigenes Bild zu machen.

Wie bereiten Sie die Jugendlichen auf Auschwitz vor?

Yilmaz Das gesamte Projekt geht über neun bis zehn Monate. Die Fahrt nach Auschwitz ist nur ein Teil davon. Wir sprechen vorher über die Familiengeschichte der Jugendlichen. Woher stammen sie? Wie sind sie nach Deutschland gekommen? Anschließend setzen wir uns mit Duisburg in der NS-Zeit auseinander - wir holen also die Geschichte vor ihre Haustür. Schließlich reden wir mit ihnen über den Holocaust, Antisemitismus und den Nahost-Konflikt. Mit diesem Input fahren wir dann nach Auschwitz.

Wie bewegen Sie die Jugendlichen dazu, dass sie mitmachen?

Yilmaz Wir nehmen niemanden mit, der dazu gezwungen wird. Uns rufen oft Lehrer an und nennen uns Jugendliche, die wir mitnehmen sollen. Das machen wir nicht. Die Jugendlichen setzen sich intensiver mit dem Thema auseinander, wenn sie es freiwillig machen.

Aber welche Motivation haben die Jugendlichen?

Yilmaz Einige fühlen sie sich als Antisemiten stigmatisiert und wollen das nicht mehr hinnehmen. Andere sind selbst von Rassismus betroffen. Viele erleben auch, wie in ihrer Klasse gegen Juden und andere Bevölkerungsgruppen gehetzt wird und wollen etwas dagegen unternehmen.

Sie arbeiten mit den Jugendlichen über mehrere Monate, bevor sie nach Auschwitz fahren. Wie viele geben zwischendurch auf?

Yilmaz Bisher fast niemand. Wir machen das Projekt seit fünf Jahren, jedes Mal mit zehn Jugendlichen. Von den insgesamt 60 Jugendlichen sind bisher nur zwei nicht mit nach Auschwitz gefahren, weil der soziale Druck aus ihrem Umfeld zu groß wurde.

Was meinen Sie damit?

Yilmaz Wenn die Jugendlichen in ihrem Freundeskreis erzählen, dass sie sich mit Israel und dem Judentum auseinandersetzen, kann es passieren, dass sie sich dumme Sprüche anhören müssen. Manchmal werden sie ausgelacht oder als Verräter beschimpft. Viele halten diesen Druck aus und konzentrieren sich auf diejenigen Freunde, die ihre Neugier für das Thema teilen. Aber das schaffen nicht alle.

Wie reagieren die jungen Muslime auf Auschwitz?

Yilmaz Der Besuch erschüttert sie. Für viele junge Muslime bricht in Auschwitz eine Welt zusammen. Sie fragen sich, wie Menschen anderen Menschen so etwas antun konnten. Gerade Jugendliche aus reaktionären muslimischen Familien realisieren zum ersten Mal, welche Leidensgeschichte die Juden erlebt haben. Sie spüren Empathie mit den Menschen, die bisher ihr Feindbild waren. Sie vergleichen auch die Flucht ihrer eigenen Familien mit der Flucht jüdischer Familien. Dabei geht es nicht um eine Gleichsetzung, sondern sie verstehen, was Sehnsucht nach Heimat bedeutet und was Israel für die Juden ist.

Was bewirken die Begegnungen vor Ort?

Yilmaz Unsere Jugendlichen treffen in Auschwitz das erste Mal auf israelische Jugendliche und unterhalten sich mit ihnen. Daraus sind schon Freundschaften entstanden, die bis heute anhalten. Die Jugendlichen machen aber noch eine andere Erfahrung: In Auschwitz werden sie von anderen als Deutsche wahrgenommen und müssen sich für die deutsche Geschichte rechtfertigen. Einer der Jugendlichen sagte mir, er habe zum ersten Mal begriffen, welche Verantwortung das Deutschsein mit sich bringe.

Was macht das mit den Jugendlichen?

Yilmaz Sie setzen sich mit ihrer eigenen Identität auseinander. Ihnen wird bewusst, dass sie Teil dieser Gesellschaft sind und dass sie auch Verantwortung übernehmen müssen, obwohl sie nicht von allen in der Gesellschaft akzeptiert werden. Wir haben aber auch Jugendliche, die nach der Fahrt sagen: "Ich will kein Deutscher sein, weil ich nicht Teil dieser Geschichte sein will." Diese Jugendlichen wollen sich nicht mit diesen grausamen Taten identifizieren.

Was denken die Jugendlichen nach der Fahrt über Juden?

Yilmaz Sie lernen durch das Projekt, was Antisemitismus ist und dass Menschenrechte und Demokratie nicht vom Himmel fallen. Aber es ist nicht so, dass Jugendliche eine Gedenkstätte besuchen und als Demokraten wieder nach Hause fahren. Sobald es wieder im Nahen Osten kracht, kann es passieren, dass die Jugendlichen in ihrem Umfeld unter Druck gesetzt und als Verräter beschimpft werden. Dann können sie wieder in antisemitisches Denken zurückfallen. Zwar unterstützt uns die Mehrheit der Eltern, aber nicht alle. Deshalb bieten wir den Jugendlichen an, dass sie weiterhin zu uns kommen können, auch nach der Fahrt nach Auschwitz.

Sollte ein Besuch in einer KZ-Gedenkstätte zur Pflicht werden?

Yilmaz Nein. Erst recht nicht für Flüchtlinge. KZ-Gedenkstätten sind Orte des Terrors. Viele Flüchtlinge haben selbst Terror erlebt. Und niemand setzt sich intensiv mit einem Thema auseinander, wenn er dazu gezwungen wird. Man muss auch nicht in ein KZ fahren, um zu begreifen, wie schlimm Antisemitismus ist. Das kann man auch in der Schule lernen. Aber wir hören von Jugendlichen immer wieder, dass der Geschichtsunterricht zu langweilig sei und dass sie darin keine kontroversen Debatten führen könnten. Wichtiger als ein KZ-Besuch wäre es deshalb, dass der Geschichtsunterricht besser wird. Und wenn über den Holocaust, Antisemitismus und den Nahost-Konflikt gesprochen wird, sollten Lehrer auch die Migrationsgeschichte der Jugendlichen einbeziehen.

MARKUS WERNING STELLTE DIE FRAGEN.

(RP)