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Psychosoziale Unterstützung für Polizisten: Wenn Helfer selbst Hilfe brauchen

Psychosoziale Unterstützung für Polizisten : Wenn Helfer selbst Hilfe brauchen

Wenn Menschen durch die Polizei zu Tode kommen, liegt der Fokus zumeist auf dem Getöteten. In Vergessenheit gerät dabei schnell, wie es dem Polizeibeamten geht, der die Entscheidung treffen musste, seine Waffe zu nutzen. Er bekommt Hilfe vom sogenannten PSU-Team.

Das Team betreut in erster Linie Polizeibeamte und bei Bedarf deren Angehörige nach besonders belastenden Situationen im beruflichen, aber auch im privaten Bereich. Die Anlässe können dabei unterschiedlich sein: ein schwerer Verkehrsunfall, das Erleben von Tod oder eben auch - wie aktuell in Rheinhausen - ein Schusswaffengebrauch. Das sei extrem belastend für Kollegen, weiß Polizeioberrat Thorsten Güth, Leiter Bereitschaftspolizei/Polizeisonderdienste beim Polizeipräsidium Dortmund. Seit 2015 ist er der verantwortliche Koordinator und Sprecher des PSU-Teams NRW. "Auf einen Menschen zu schießen beschäftigt einen fürchterlich und verändert einen teilweise ein Leben lang." Erlebnisse wie dieses seien so unvorstellbar, dass man sie nicht in sein Weltbild einfügen könne, wodurch sich die Psyche verändere. Darum sei es wichtig, den Verarbeitungsprozess zu unterstützen. "Wir führen nach derartigen Ereignissen mit den Betreffenden strukturierte Gespräche, die den Stressabbau voranbringen sollen. Im vergangenen Jahr hatten wir über 100 Fälle", erzählt Güth.

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Bei ihm war der Einsatz bei der Loveparade 2010, bei der er einen Einsatzabschnitt geführt hat, der ausschlaggebende Punkt. "Jeder bei uns hat seine individuelle Geschichte, die dazu geführt hat, dass er oder sie jetzt bei uns mitwirkt. Ich bin nach der Loveparade vielen Kollegen begegnet, die durch das Unglück schwer belastet waren. Deshalb habe ich mich entschieden, beim PSU-Team einzusteigen. Um Kollegen zu helfen." Man mache diese Arbeit aus Überzeugung, aus einer inneren Motivation - nicht, um die Karriere zu fördern, sagt Güth.

 Thorsten Güth ist Koordinator und Sprecher des PSU-Teams NRW. Die Aufgabe hat er 2015 übernommen.
Thorsten Güth ist Koordinator und Sprecher des PSU-Teams NRW. Die Aufgabe hat er 2015 übernommen. Foto: Reichwein

Zwölf Mitglieder zählt das Team derzeit, davon sind zehn Polizeibeamte und Beamtinnen sowie zwei Polizeiärzte. Das sei insofern gut, da Polizisten in einen Konflikt geraten könnten, sofern der Betreute - durch einen Schusswaffengebrauch etwa - vom Status her Beschuldigter wird. Ansonsten aber sei es von Vorteil, dass die Gruppe aus Polizisten bestünde. Güth: "Ich persönlich habe den Eindruck, dass es den Kollegen leichter fällt, sich mit jemandem zu unterhalten, der selbst Polizist ist. Es ist ein Gespräch unter Kollegen - wir nennen es ja auch Kollegenhilfe. Man kann die Probleme aus eigenem Erleben besser nachvollziehen, sich besser in die Situation hineinversetzen und mit dem einen oder anderen Ratschlag unterstützen." Die Kollegen seien in der Situation häufig stark belastet, darum sei es für sie wichtig, dass ihnen jemand beisteht, sie berät, ihnen etwa Verwaltungsvorgänge und Abläufe erklärt und Transparenz herstellt.

Die Vorbereitung auf diese besondere Arbeit erfolgt zunächst in Form einer vierwöchigen Fortbildung bestehend aus vier Bausteinen. Dabei werden theoretische Grundlagen vermittelt und unter anderem in Rollenspielen angewendet. Nach Abschluss der Fortbildung werden die neuen Teammitglieder zertifiziert. Im Anschluss begleiten sie zunächst immer ein erfahrenes Teammitglied, um in die neue Aufgabe hineinzuwachsen. Erst später fährt man alleine zu Einsätzen. Regelmäßig werden Supervisionen durchgeführt. Auch gibt es jederzeit die Möglichkeit, sich untereinander über besonders schwierige Fälle auszutauschen und sich zu beraten.

Immer mehr nehmen laut Aussage des Polizeioberrates die Hilfe der PSU-Teams in Anspruch. Es habe ein Sinneswandel stattgefunden, sagt Güth. "Es wenden sich viele Kollegen an uns. Wir sind rund um die Uhr erreichbar." Viele Kontakte würden auch über Mundpropaganda erfolgen. "Wenn wir schon einmal in einer Behörde waren, kann es sein, dass wir aufgrund eines anderen Ereignisses wieder angefordert werden", sagt Güth.

(RP)