21 Tote bei der Loveparade: Warum diese Polizeikette auf der Rampe?

21 Tote bei der Loveparade: Warum diese Polizeikette auf der Rampe?

Was hat das tödliche Gedränge auf der Loveparade ausgelöst? Der vorläufige Polizei-Bericht, den am Mittwoch NRW-Innenminister Ralf Jäger vorlegte, sucht die Ursachen in den Fluchtversuchen von Besuchern. Doch die Vorwürfe gegen die Polizei bleiben bestehen: Eine Kommunikationspanne soll das tödliche Gedränge ausgelöst haben, sagt ein Dezernent der Stadt. Augenzeugen machen die Polizei-Absperrung auf der Zugangsrampe für das Unglück verantwortlich. Und: Offenbar lief auch in der Führungsgruppe der Polizei nicht alles nach Plan.

Es fällt ihm nicht leicht, über die Hintergründe der Tragödie zu sprechen. Er ist ein Polizeibeamter, der immer loyal war. Der nie mit der Presse gesprochen hat. Bis gestern. "Ich fühle mich auch ein bisschen selbst mitschuldig, weil die Risiken ja bekannt waren", sagt er leise. Martin K. (Name geändert, die Red.) hatte am Samstag Dienst in der Führungsgruppe des Polizeipräsidiums Duisburg. Dort liefen die Fäden für den Einsatz bei der Loveparade zusammen. Die Protokolle, die dort gefertigt wurden, können für die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft zentrale Bedeutung bekommen.

Die Verantwortung für den Polizeieinsatz ist an diesem Samstagnachmittag auf mehrere Schultern verteilt. Es gibt eine Frühschicht und eine Spätschicht. Die Maßnahmen auf dem Veranstaltungsgelände koordiniert bis gegen 15.30 Uhr ein Beamter aus dem Polizeipräsidium Duisburg. Dann erfolgt eine Übergabe. Für die "heiße Phase" ist die Bereitschaftspolizei Bochum zuständig.

Ob der Zeitpunkt glücklich gewählt war, ist mehr als fraglich. Denn gegen 16 Uhr war die Lage im Tunnel zum Veranstaltungsgelände bereits kritisch. Die Polizei hatte die Tunnelzugänge wegen Überfüllung abgesperrt. Doch die Besucher ließen sich nicht lange aufhalten. "Sie durchbrachen die äußere Polizeikette", berichtet Martin K. Für die Beamten, die im Bereich des Rampenaufgangs postiert waren, ergab sich eine unübersichtliche Situation. Ihre Kollegen waren überrannt worden. Mussten sie jetzt nicht umso energischer durchgreifen?

Kette löste sich schlagartig auf

Zeugen berichten, erst die Bildung der Polizeikette am Eingang zum Festivalgelände habe den fatalen Rückstau produziert. Gegen 16.10 Uhr waren Zu- und Abgang vom Loveparade-Gelände durch Beamte versperrt. Sie stehen in der Mitte der etwa 16 Meter breiten Zugansrampe, links und rechts von ihnen versperren Bauzäune den Weg. Vor und hinter der Absperrung stauten sich die Menschen.

Die Polizei wollte damit den massiven Andrang stoppen, bis sich die Lage wieder entspannt, so wird später in der Pressekonferenz des Landes NRW deutlich, in der Polizeiinspekteur Dieter Wehe seine Sicht der Abläufe schildert.

Doch wenige Minuten später lösten die Beamten die Kette auf, die Massen prallten aufeinander. Augenzeugen berichten Widersprüchliches. Der Rückzug sei plötzlich und ohne ersichtlichen Grund erfolgt, erzählen einige. Auch der Düsseldorfer Jörg Pilzweger war am Ort des Geschehens. In seinem Augenzeugenbericht klagt er an: "Ohne Polizeikette hätten sich die Menschenmassen nicht derart verdichtet."

Andere Augenzeugenberichte machen den hohen Druck der Masse auf die Kette dafür verantwortlich. Zudem sollen einzelne Besucher, die das Gelände verlassen wollten, die an den Rändern postierten Bauzäune überklettert und niedergerissen haben. Die Kette riss zwangsläufig auseinander, blitzartig sei der Platz, an dem die Tunnelenden und die Staurampe aufeinandertreffen, überfüllt gewesen. Zu keinem Zeitpunkt habe es Durchsagen über Lautsprecher gegeben.

Polizeiinspekteur bestätigt diese Eindrücke. Da es seitens des Veranstalter nicht zu den abgesprochenen Sperrungen im Zugang gekommen sei, habe die Polizeikette dem hohen Druck nicht standhalten können, erklärt er.

Pannen beim Schichtwechsel

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Auch in der Leitstelle lief manches anders als auf dem Papier geplant. Der Top-Polizist, der die Einsatzkräfte im Bereich des Veranstaltungsgeländes führen soll, konnte aus privaten Gründen nicht auf die Minute pünktlich erscheinen. "Kollegen haben berichtet, er sei an diesem Tag Vater geworden und direkt aus dem Kreißsaal nach Duisburg zum Loveparade-Einsatz geeilt", sagt Martin K. Auf Anfrage war der Beamte nicht zu erreichen. Wegen der laufenden Ermittlungen werde man ihm abraten, sich zu äußern, hieß es in der zuständigen Pressestelle.

Formal sei der Vorgang nicht zu beanstanden, wiegelt ein leitender Polizist aus dem Polizeipräsidium in Duisburg ab. Der verspätete Polizeiführer sei ordnungsgemäß von seinem Stellvertreter ersetzt worden, dessen Anweisungen gleichrangig zu behandeln seien. Zu keinem Zeitpunkt habe es eine führungslose Situation gegeben.

Nur manchmal Funkkontakt

Der Funkverkehr zwischen der Führungsgruppe im Polizeipräsidium und den Beamten in der Menschenmenge wurde nicht elektronisch aufgezeichnet. "Jetzt sollen die handschriftlichen Aufzeichnungen im Einsatztagebuch klären, wie die Abläufe waren", sagt Martin K.

Fraglich ist, wie genau die Dokumentation ist. Denn wenngleich die Beamten der Einsatzhundertschaften durch Großeinsätze bei Demonstrationen und Fußballspielen an extreme Situationen gewöhnt sind, lief die Koordination offenbar zwischenzeitlich aus dem Ruder. "Das lag auch daran, dass der Funkkontakt durch den Tunnel behindert wurde", berichtet Martin K. Auch die Privathandys, die die Beamten in solchen Fällen oft benutzen, versagten ihren Dienst, weil das Mobilfunknetz überlastet war. Begünstigte die mangelhafte Ausrüstung der Polizei in NRW die Katastrophe?

Jäger legt Bericht vor

Peter Biesenbach, der innenpolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, verlangt die umgehende Aufklärung der offenen Fragen. "Dabei müssen auch die Vorgänge in der Einsatzleitstelle lückenlos beleuchtet werden", sagt Biesenbach. Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, dass Abläufe vertuscht werden sollten.

Nun ist die Duisburger Staatsanwaltschaft am Zug. Die Behörde wird bei der Aufklärung von der Kölner Polizei unterstützt. Sie hat eine Ermittlungskommission gegründet, der etwa 60 Beamte angehören. Dies soll einem Interessenkonflikt bei der eigentlich zuständigen Duisburger Polizei vorbeugen. Dass auch die Kölner Polizei an dem Einsatz beteiligt war, hält man im NRW-Innenministerium für unkritisch.

Frank Richter, Chef der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in NRW, warnte vor Vorverurteilungen. Er habe den Eindruck, dass die Polizei bei dem Loveparade-Einsatz "sehr sachgerecht" gehandelt habe. Der Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Erich Rettinghaus, hat den Rücktritt des Duisburger Oberbürgermeisters Adolf Sauerland und seines Sicherheitsdezernenten Wolfgang Rabe gefordert. "Es wird Zeit, dass sich jemand zu seiner Verantwortung bekennt", sagt der Duisburger Rettinghaus, und fügt hinzu: "Hätten die Beamten nicht unter Einsatz ihres Lebens geholfen, hätte es noch mehr Todesopfer gegeben."

Hier geht es zur Bilderstrecke: Die Zugangsrampe - der Unglücksort

(RP)