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Duisburg: Walsum — die Kumpel packen ein

Duisburg : Walsum — die Kumpel packen ein

Nach 69 Jahren stellt die Duisburger Zeche die Kohleförderung ein. Die Kumpel fahren jetzt nur noch ein, um die Maschinen zu zerlegen und Material zu bergen. Die Bergleute kommen in anderen Gruben unter, aber für viele bricht eine Welt zusammen.

Walsum Michael Wagner starrt in den dampfenden Kaffeebecher, den er in seinen kohlschwarzen Händen hält. Unzählige Male hat er hier gesessen, auf einer Holzbank in der Waschkaue des Bergwerks Walsum. Staubig, müde, nach einer harten Schicht in fast 1000 Meter Tiefe. Aber seit ein paar Tagen ist es ein "komisches Gefühl". In Walsum wird keine Kohle mehr gefördert, der Pütt macht dicht.

Nach 69 Jahren Zechenbetrieb haben sie diese Woche tief unten im Flöz "Zollverein" den mächtigen Abbau-Maschinen den Strom abgedreht. Wo sich sonst gewaltige Meißel und Hobel rund um die Uhr in die Kohle fressen, herrscht jetzt gespenstische Stille. Schicht im Schacht. Die Kumpel fahren jetzt nur noch ein, um die Maschinen zu zerlegen, Material zu bergen und alles für die Schließung der Grube im kommenden Jahr vorzubereiten. "Raubbau" nennen sie das, und das Wort hat etwas Endgültiges.

Seit zehn Jahren ist Michael Wagner auf Walsum, seit 31 Jahren malocht er unter Tage. Jetzt demontiert er seinen Arbeitsplatz. Ende des Jahres kommt der 46-Jährige in einer anderen Grube unter, für drei Jahre, dann ist für ihn Schluss. "Immerhin, dann habe ich endlich mal mehr Zeit für Frau und Kinder", meint Wagner. Es klingt ein bisschen gequält. "Gedrückte Stimmung hier", sagt Barboros Balci. 21 Jahre ist er alt und noch in der Ausbildung. Jetzt überlegt er sich, ob er "später" nicht bei Mercedes ans Band soll. "Aber eigentlich würde ich viel lieber hierbleiben."

Kohle genug wäre ja noch da. Laut Betriebsgenehmigung hätten sie in Walsum bis 2019 noch 40 Millionen Tonnen fördern dürfen. Und weitere 100 Millionen Tonnen sollen noch unter dem Niederrhein liegen. Von den verbliebenen acht deutschen Zechen musste ausgerechnet Walsum als erste schließen, obwohl die Grube die modernste ist. Aber auch eine der umstrittensten. Unter den Anwohnern ging die Angst vor Bergschäden um, der Streit eskalierte. Seit 2005 zeichnete sich das Aus für Walsum ab.

Ein Abschied auf Raten. Aber viele Männer hier draußen schieben das Ende immer noch von sich weg. Klaus Gorba ist einer davon. Er sitzt im Versammlungsraum der Grubenwehr, wo die Regale voller Pokale stehen, die die Zechenmannschaft gewonnen hat. Gorba ist 49 Jahre alt, ein Mann voller Tatendrang, trotz ein paar grauer Strähnen im Haar. 1973 hat er als Lehrling auf Walsum angefangen. Seit 15 Jahren ist er Reviersteiger.

"Ich war nie woanders, das hier ist wie mein Familie." Im wahrsten Sinne: Schon Gorbas Großvater war Bergmann. Sein Vater, sein Bruder, Onkel, Cousins, alles Bergleute. Nach so vielen Jahren unter Tage bleibt der Kohlestaub nicht auf der Haut, er geht ins Blut.

Gorba hat noch nicht darüber nachgedacht, was er ab November macht. "Dafür ist noch Zeit, wenn ich meine Papiere abgeholt habe", sagt er fast trotzig. Er geht als einer der letzten. Bis Januar werden auf Walsum noch Dämme gebaut und Rohre verlegt. "Dann machen wir das Licht aus." Nur die Pumpen werden weiterlaufen, sonst würde die benachbarte Zeche West absaufen. Bis zum Frühjahr 2009 sollen dann die beiden Schächte verfüllt sein, das war's dann.

Feiern wollte den Abschied keiner. Steiger-Lied, feierliche Reden und eine bekränzte letzte Lore, das hätte hier irgendwie keiner ertragen. So wurde nur ein Zelt aufgestellt, für eine letzte Betriebsversammlung bei Bratwurst und Bier. Da konnten sich die Kollegen dann austauschen über ihre Zukunft. 1375 Kumpel waren zum Schluss noch auf Walsum, nur noch halb so viele wie 2006. Die meisten kommen aus der Nachbarschaft, aus Duisburg, Voerde, Moers, Dinslaken, und müssen jetzt weiter zu ihren neuen Zechen fahren, nach Kamp-Lintfort, Bottrop oder Marl.

Aber sie werden insgeheim beneidet von denen, die ganz aufhören. "Aufhören müssen", sagt Gorba bitter. "Denn freiwillig will hier eigentlich keiner weg." Wer mit 49 Jahren 20 Jahre unter Tage war, kann in Vorruhestand gehen. Aber das ist mit finanziellen Einbußen verbunden. Und mit einem Abschied, der vielen Kumpeln einen dicken Kloß im Hals beschert.

"Wenn die Fräse sich in den Flöz frisst und dann die frisch gehauene Kohle in der Lore liegt, feucht und warm", seufzt Gorba, "das Glücksgefühl, das einen dann durchströmt, das ist unbeschreiblich."

Hier geht es zur Infostrecke: Steinkohlebergwerke in Deutschland

(RP)