Duisburg: Vor 25 Jahren starb Krupp Rheinhausen

Duisburg : Vor 25 Jahren starb Krupp Rheinhausen

Zeitzeugen erinnern an den spektakulärsten Arbeitskampf in der Geschichte Deutschlands.

Die Nachricht schlägt ein wie die sprichwörtliche Bombe: Am 26. November 1987 wird bekannt, dass Krupp das Hüttenwerk in Rheinhausen binnen eines Jahres schließen will. Tausende Stahlarbeiter fürchten um ihre Zukunft. Was folgt, ist der wohl härteste und spektakulärste Arbeitskampf der deutschen Geschichte.

Der damalige Duisburger Oberbürgermeister Josef Krings (SPD), hauptberuflich Leiter einer Mülheimer Realschule, erfährt die Hiobsbotschaft am Telefon: "Jupp, Du musst mal rüber kommen, die wollen uns hier platt machen!", schallt es aus dem Hörer. Am anderen Ende der Leitung: der damalige Betriebsratsvorsitzende der Krupp-Stahl AG, Manfred Bruckschen, nach einem Gespräch mit Arbeitsdirektor Karl Meyerwisch.

Von Unternehmensseite hatte niemand die Stadtspitze oder Lokalpolitiker über die Schließungspläne informiert. Krings ist sofort klar, "dass ich Position beziehen muss, Flagge zeigen muss", wie er bei einer Gesprächsrunde sagte, zu der jetzt das "stadt-panorama" eingeladen hatte. Vieles habe er aus dem Arbeitskampf gelernt, so Krings. Zum Beispiel, dass Reden von Politikern in einer solchen Situation überschätzt würden: "Wichtig war, dass man morgens um 6 Uhr zur Sitzung des Betriebsrates geht."

In Rheinhausen herrscht zum Ende des Jahres 1987 der Ausnahmezustand. Am 27. November empfangen die streikenden Arbeiter den Vorstandsvorsitzenden der Krupp-Stahl AG, Dr. Gerhard Cromme, mit einem Pfeifkonzert vor dem Verwaltungsgebäude im Duisburger Westen. Eier, Brot und Obst fliegen ihm entgegen, wenig später brennt eine Puppe mit seinem Namenszug. "Dies ist eine finanzielle und personelle Gemeinschaftslösung", versucht Cromme die Entscheidung zu rechtfertigen, wonach die Rohstahlerzeugung des Krupp-Werks größtenteils auf die Mannesmann-Hütte in Huckingen übertragen werden und Thyssen den Profilstahlbereich übernehmen soll. Cromme: "Wer Arbeit sucht, der wird sie finden."

In den Ohren der Belegschaft klingen seine Worte wie Hohn und Spott. Betriebsratschef Bruckschen ruft in die Menge: "Wir werden die Stadt nicht kampflos aufgeben. Wir wollen nicht in Huckingen arbeiten, sondern in Rheinhausen."

Noch am selben Tag schicken Bruckschen und OB Krings ein Telegramm an den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU), um für die Unterstützung der Bundesregierung zu werben. Die von Ministerpräsident Johannes Rau (SPD) geführte NRW-Landesregierung hatte bereits Hilfe signalisiert. Bei der Runde im Hause des "stadt-panorama" zum Thema "Krupp vor 25 Jahren" verriet Bruckschen jetzt: "Ich habe täglich mit Rau telefoniert."

Auch in späteren Gesprächen mit Kohl und Bundesarbeitsminister Norbert Blüm (CDU) kämpfte der Betriebsratschef für den Erhalt der Arbeitsplätze. Ein Angebot von Krupp die Seiten zu wechseln ("Der Arbeitsdirektor bot mir einen neuen Job an!"), lehnte er empört ab: "Dann hätte ich ja nicht mehr durch Rheinhausen gehen können."

Der Ausgang des 164-tägigen Ausstands ist bekannt. Gescheitert sieht sich Bruckschen dennoch nicht. Zahlreiche Arbeitskämpfe in Europa seien nach Rheinhauser Vorbild geführt worden. Er beklagt, dass "heute mehr gegeneinander statt miteinander gearbeitet wird". Als Beispiel nennt der 74-Jährige das Outlet Center in Hamborn: "Die Menschen, die dort wohnen, werden nicht gefragt." Auch Ex-OB Krings (86) kritisiert: Die politische Kaste habe kein Gespür mehr für soziale Belange. "Eine Lehre aus dem Arbeitskampf ist, sensibel zu bleiben und nicht einzuknicken, wenn ein Investor mit Geld winkt."

(RP/rl)
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