Interview: Rp-Thema 25 Jahre Mauerfall: Von ganz im Westen nach ganz im Osten

Interview: Rp-Thema 25 Jahre Mauerfall : Von ganz im Westen nach ganz im Osten

Der Rheinhauser Sozialwissenschaftler Rainer Spallek reiste von Aachen nach Görlitz und achtete dabei genau auf die Unterschiede. Nachfolgend einige Auszüge aus seinem Reisebericht.

Es soll ja so sein, dass für viele Westdeutsche Ostdeutschland immer noch weiter entfernt liegt als Thailand oder Uruguay. Wenn man sich nun auf den Weg macht und am selben Tag im äußersten Westen und ganz im Osten die jeweilige Regionalzeitung zur Hand nimmt: Bin ich dann noch erkennbar im selben Land?

Wir wagten den innerdeutschen Spagat; nahmen am 31. Juli 2003 die Bahn und versuchten das Abenteuer einer West-Ost-Passage. Etwa 820 Kilometer trennen Aachen (für Autofahrer: AC) von Görlitz (GR). Der Bahnfahrer steigt um 9.49 Uhr im nordrhein-westfälischen Aachen in den Zug, steigt um in Düsseldorf, steigt um in Dresden - und kommt um 20.53 auf Gleis 12 im sächsischen Görlitz wieder heraus; der Zug hat eine Verspätung von einer guten Minute: Glückwunsch Deutsche Bahn!

Kleines Städtequiz? Einwohner? Auf einen Görlitzer kommen etwa vier Aachener (ca. 60 000 zu 250 000) Alter? 765 n. Chr. wurde Aachen erstmals dokumentiert, Görlitz 306 Jahre später. Stadt-Prominenz? Natürlich Karl der Große (742 - 814) in Aachen. Und Görlitz? Jens Jeremies - naja. Napoleon übernachtete gelegentlich in der Stadt, auf dem Wege zu oder von den Schlachten. In Aachen übernachtet der Reisende im "Berliner Hof". Frage an die Betreiberin: "Haben Sie mal was von Görlitz gehört?" Zögerliche Antwort-Frage: "Liegt das nicht in den östlichen Gebieten?" Und dann, in der Görlitzer "Drehscheibe" die Frage an ein Paar aus Zwickau: "Was wissen Sie über Aachen?" - "Ja liegt das nicht an der holländischen Grenze?" Ein älteres Paar aus Dresden: "Da war doch was mit einem deutschen Kaiser, aber fragen Sie mich nicht welchen!" Schon mal nicht schlecht.

Heute ist erster Ferientag in NRW. Im IC sitzt der Reisende neben einer Gruppe lebhafter Schulkameraden; in Düsseldorf zugestiegen ist man nun auf dem Wege in den Osten - nach Pirna. Die Gymnasiasten reisen mit vollem Equipment: Laptop und DVD, Walkman und CD, Handys. Im Zug von Dresden nach Görlitz sitzen neben mir zwei Frauen um die 50. Schon lange haben sie sich nicht mehr gesehen, immer geht es um Arbeit, um Arbeitslosigkeit, um Kur und Krankheit, um berufliche und existenzielle Herausforderungen. 20.05 Uhr: Ankunft Bischofswerda, dann Bautzen 20.15 Uhr. Eine der beiden steigt hier aus, herzlicher Abschied mit Handschlag "Tschüssi!" Bautzen, so wird man mir mehrfach später versichern, sei eine sehr sehenswerte Stadt - auch mit JVA, bekannter Knast zu DDR-Zeiten!

20.40 Uhr Zoblitz, wer kennt das schon? Bei der Abreise in Aachen kaufte der Reisende die "Aachener Zeitung" zu 90 Cent, bei der Ankunft die "Dresdner Neueste Nachrichten" zu 55 Cent; am folgenden Tag die "Sächsische Zeitung" zu 80 Cent - was ist Thema im Westen, was im Osten?

Unzerknirscht-sachlich registriert die "Aachener": "Laut Studie über die Wirtschaftsdynamik in allen 16 Bundesländern kommt NRW auf Platz 11." Doch stolzer schallt es aus der "Sächsischen": "Sachsen hängt Bayern ab. Es steht auf Rang sechs und hat fünf westdeutsche Länder abgehängt." Aachens Lokalseiten dominiert die Reit-WM, ein weltweiter Werbeträger für die Stadt: "Planungspolitiker nehmen sich in die Pflicht und unterstützen den Elan der Investoren."

Außer Pferden scharren also auch Geschäftsleute mit den Hufen. Auch Görlitz sehnt sich nach Ruhm: 2010 will man Europäische Kulturhauptstadt sein! Nicht aussichtslos, denn ein Millionen-schweres Modellprojekt zur Altstadtsanierung hat diese Stadt zu einem echten Schmuckkästchen gemacht - man will raus aus der fernöstlichen Randexistenz. Doch der attraktiven Stadt laufen die Leute davon: Zur Wendezeit '89 lebten hier etwa 80 000 Einwohner, jetzt sollen es knapp 60 000 sein - die Flucht vor Arbeitslosigkeit! Wer nach Görlitz kommt, sieht viele Häuser mit tollen Fassaden - und null Innenleben!

Die Kulturstaatsministerin Christiane Weiss versucht ihr Ost-Defizit zu beheben. Soeben besuchte sie Görlitz und machte dabei deutsch-polnische Grenz-Erfahrungen. Gemeinsam mit Görlitz' OB Karbaum und Polens Vizekulturminister Skapski macht sie einen Stadtbummel. Plötzlich verschwand der Pole. Trocken kommentiert Karbaum: "Einmal im Westen. Das muss man nutzen!" Ost-West-Gelächter. Doch bald kam der Pole zurück: "Ohne Karstadtbeutel", versichert die Zeitung.

Und während die "Aachener" sich kapitalistischen Themen widmet und den neuen Chef der Mercedes-Benz-Niederlassung ausführlich portraitiert, säuselt es in der "Sächsischen" sentimental-sozialistisch: Die Hochschule Görlitz-Zittau hält trotz frostigem Klima zwischen EU und Kuba an ihren noch jungen Kontakten zur Universiade de Oriente in Santiago de Cuba fest; man will den angestrebten Austausch von Informationen, Wissenschaftlern und Studenten in die Tat umsetzen.

Glückliches Görlitz! In oder um die Stadt herum treibt ein anonymer Spender sein erfreuliches Unwesen: Seit 1995 spendet ein Unbekannter jedes Jahr um die eine Million Ex-DM für die Sanierung der Altstadt! Soeben ist die "neunte Altstadtmillion" eingetroffen.

Für Oberbürgermeister Karbaum ist es "jedes Jahr die schönste Sitzung", wenn die Stadt über die Verwendung des Geldes entscheidet. Für den unbekannten Stifter jedoch - so gern man ihn auch hat - "soll es kein Denkmal geben": man weiß ja ohnehin nicht, wie er heißt und ausschaut.

Und noch etwas macht Görlitz unwiderstehlich, der Reiseführer drückt es so aus: "Görlitz ist die östlichste Stadt Deutschlands, die Sonne geht hier zuerst auf... Sie sehen die Sonne dann vor allen anderen Deutschen." Die Kehrseite der Medaille wird jedoch verschwiegen: Während es in Görlitz bereits dunkelt und finstert, aalt sich der Aachener in den letzten Sonnenstrahlen.

(RP)