Duisburg: Vom Tigergeist bis zum Praktiker-Ende

Duisburg : Vom Tigergeist bis zum Praktiker-Ende

Die Duisburger Filmwoche zeigt diesmal besonders nachdrücklich, dass die Spannbreite der Darstellungsformen im Dokumentarfilm kaum beschränkt ist. Heute Abend werden die Preise verliehen, darunter auch der RP-Preis.

Eine Supermarktkette schließt. Die ist bundesweit so bekannt, dass sogar in der Tagesschau deren Ende verkündet wird. Ein solches Ereignis ist ein typischer Stoff für einen "klassischen" Dokumentarfilm. Und eine solche Produktion kann man auch bei der Duisburger Filmwoche sehen. Unter dem Titel "Hier sprach der Preis", eine Anspielung auf den Werbeslogan "Hier spricht der Preis", zeigt Filmemacherin Sabrina Jäger (Jahrgang 1984), was eine solche Schließung für die Beschäftigten bedeutet und wie die Abwicklung eines "Praktiker"-Baumarktes "vor Ort" geschieht. Der Film ist informativ, stellenweise sogar sehr unterhaltsam und hat Herz. "Hier sprach der Preis" wird heute um 16 Uhr als letzter Wettbewerbsfilm der Duisburger Filmwoche gezeigt. Er ist ein gutes Beispiel dafür, dass auch Dokumentationen, in denen der Autor nicht mit seinem Stoff experimentiert, festivalwürdig sein können.

Eine ganz andere dokumentarische Form wählte, durchaus auch notgedrungen, die aus dem Irak stammende, seit vielen Jahren in Baden-Württemberg lebende Filmautorin Soleen Yusef. Sie hat sich mit dem NSU-Prozess beschäftigt. Bekanntlich darf man in deutschen Gerichten die Verhandlungen nicht filmen. Zudem waren die Journalisten-Plätze beim Prozess gegen die nationalsozialistischen Mörder beschränkt. Soleen Yusef hat die Gerichtsprotokolle von vier Schauspielern vorlesen lassen, durchaus nicht mit neutraler Stimme, sondern in einem Tonfall, der so ähnlich wohl auch bei Gericht zu hören war. Der Stoff bestimmte hier die Dokumentationsform mit. Der Film, der wie ein Kammerspiel inszeniert ist, wird seinem hohen politischen und auch moralischen Anspruch gerecht.

Verkäuferin ohne Kunden: Szene aus "Hier sprach der Preis". Foto: ""

Hans-Dieter Grabe, ein Dokumentarist alter Schule (Jahrgang 1937), porträtiert einen einfachen Mann seiner Generation, der handfeste Arbeit verrichtet - mit Kettensäge, Axt, Stemmeisen, Keil und einem alten Traktor. Der Film ist eine schöne Erzählung über einen wirklichen Menschen. Da sieht man gerne zu und ist auch betroffen darüber, dass es das Leben mit "Raimund", so der Titelheld, am Schluss leider nicht gut meint.

Einblicke in andere Lebenswelten finden Dokumentaristen gleich "um die Ecke" in der Nachbarschaft oder auch weit von Europa entfernt. Jide Tom Akinleminu, 1981 in Dänemark geboren und abwechselnd in Dänemark und Nigeria aufgewachsen, lebt seit 2004 in Berlin, wo er ein Kamerastudium absolviert hat. In seinem ersten langen Film "Portrait of a lone farmer" schildert er seine Wiederbegegnung mit seinem in Nigeria gebliebenen Vater. Sein Film zeigt auf sehr persönliche Weise das Aufeinandertreffen zweier unterschiedlicher Lebenswelten. Der Film "Riding my Tiger" von Ascan Breuer gibt auch Einblicke in eine uns fremde Lebenswelt, doch geschieht dies in einer Form, bei der Wirklichkeit und magische Vorstellungen, Gegenwart und Vergangenheit artifiziell auf eine Weise miteinander verbunden sind, die nicht jedem gefällt. Da gibt es javanisches Schattentheater, in Großelterngeschichten ist von einem "Tigergeist" die Rede, ein junger Mann, der Filmemacher selber, begibt sich auf die Spuren seiner chinesisch-javanischen Vorfahren, geht durch eine halbdunkle Wohnung, duscht sich, dazwischen werden bedrückende Fotos aus der Kolonialgeschichte eingeblendet. Bisweilen, so die Kritik, werden "dokumentarische Strategien" auch zum Selbstzweck.

Im Film "Riding my Tiger" von Ascan Breuer gibt es immer wieder irritierende Zwischenschnitte wie die dieses Tierjungen. Nicht jedem gefällt eine solche "dokumentarische Strategie". Foto: filmwoche

Heute Abend, ab 20 Uhr, werden der Arte- und 3-Sat-Preis, der Förderpreis der Stadt Duisburg und der Publikumspreis der Rheinischen Post für den beliebtesten Festival-Film verliehen.

(RP)