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Duisburg: Verbeugung vor der "Knienden"

Duisburg : Verbeugung vor der "Knienden"

Das Lehmbruck-Museum stellt in der aufwendigsten Ausstellung, die jemals in der Geschichte des Hauses gezeigt wurde, das Hauptwerk seines Namensgebers in den Mittelpunkt, umgeben von 245 zum Teil hochkarätigen internationalen Arbeiten.

Sie ist ein Jahrhundertkunstwerk und feiert ihren 100. Geburtstag: Wilhelm Lehmbrucks "Kniende", die am 1. Oktober 1911 erstmals in Paris öffentlich ausgestellt wurde. Das Duisburger Lehmbruck-Museum nimmt das zum Anlass für die aufwendigste Ausstellung, die jemals in der 47-jährigen Geschichte des Hauses durchgeführt wurde. "100 Jahre Lehmbrucks Kniende — Paris 1911" heißt die Schau, die geeignet ist, Besucherströme in das oftmals unterschätzte Duisburger Museum zu lenken.

Das Konzept der Ausstellung ist überzeugend und gewissermaßen eine Pointe: Ein einziges Werk steht im Mittelpunkt, doch umgeben ist es von 245 anderen Arbeiten, darunter vielen Spitzenwerken der Klassischen Moderne. Leihgaben kamen unter anderem aus dem Museum of Modern Art und dem Guggenheim-Museum in New York, dem Pariser Louvre, der Londoner Tate Gallery, der Berliner Nationalgalerie, dem Pariser Centre Pompidou, den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, der Hamburger Kunstsammlung, dem Kunstmuseum Basel oder auch der Porzellan-Manufaktur Meissen.

Ein Gemälde von Maurice Denis schickte ein Luxushotel aus Japan nach Duisburg. Künstler, deren Ruhm mit der Hauptschaffenszeit von Wilhelm Lehmbruck (1881—1919) in Verbindung stehen, verneigen sich vor der "Knienden", deren Einzigartigkeit gerade in der Vielfalt der übrigen Skulpturen fasziniert. Der Besucher kann die Kniende mit Werken so prominenter Künstler wie Auguste Rodin, Fernand Léger, Edgar Degas, Amedeo Modigliani, Constantin Brancusi, Aristide Maillol und Henri Matisse vergleichen. Letzterer wird besonders ausführlich auch als Bildhauer präsentiert, nicht nur als Maler. Zur Bearbeitung dieses Themas wurde eigens die Baseler Matisse-Spezialistin Susanne Kudielka als Gastkuratorin engagiert.

Wilhelm Lehmbruck kam 1910 mit seiner Familie nach Paris. Er reiste nicht wie viele andere junge Künstler als Schüler, sondern als ausgebildeter und durchaus nicht erfolgloser Bildhauer in die französische Metropole, die zugleich ein Zentrum der europäischen Avantgarde war. Als Lehmbruck seine "Kniende" dann im Oktober 1911 im Salon d'Autome ausstellte, war die Reaktion des Publikums und der Künstlerkollegen zunächst zögerlich.

Die gelängten Formen erinnerten einige an "Gliederpuppen", andere sprachen von einer neugotischen Formensprache. Doch bald wurde die besondere Ausstrahlung dieser Skulptur gesehen, für die Raimund Stecker ein schönes deutsches Wort wählte: Anmut.

"Die Anmut kniet in Duisburg" hatte er dem Kuratorium gesagt, das vor einiger Zeit einen Nachfolger für Christoph Brockhaus als Museumsdirektor suchte und in Stecker fand. Der Satz ist bis heute ein Werbeslogan des Lehmbruck-Museums. Das hat neuerdings keinen Vornamen mehr, weil der Künstlersohn Manfred Lehmbruck das Museum entworfen hat und diese architektonische Leistung ebenfalls gewürdigt sein soll.

Wie die "Kniende" vor 100 Jahren auf klarsichtige Zeitgenossen gewirkt hat, zeigt am schönsten ein Zitat des Lehmbruck-Freundes und Kunsthistorikers Julius Meyer-Graefe. Rückblickend beschrieb er seinen Eindruck von der Skulptur mit den Worten: "In der Mitte des Ateliers stand eine überlebensgroße halb kniende Frauengestalt, die nicht aufhörte".

In der Tat ist die Skulptur "überlebensgroß", aber nur dann, wenn man sie sich aufgerichtet vorstellt. Für die Duisburger Ausstellung wurde die "Kniende" vom Sockel geholt. Gehalten wird sie von der flachen Plinthe, ragt so nur noch 1,76 Meter auf. Die gelängten Körpermaße, verbunden mit der Höhe auf Augenmaß, gehören mit zum Reiz der Skulptur. Darauf macht Marion Bornscheuer aufmerksam, die als junge Kuratorin diese ebenso ambitionierte wie kostbare Ausstellung zusammenstellte.

Häufig wurde die "Kniende" als keuscher "Verkündigungsengel" gesehen. Marion Bornscheuer und Raimund Stecker schlagen eine neue, zumindest ergänzende Deutung vor: Die Figur könne auch als Tänzerin gesehen werden, die sich in demütiger Haltung und Geste für die Huldigungen des Publikums bedankt.

Denise Wendel-Poray aus Paris bekräftigt als zweite Gastkuratorin diese Auffassung, weist darauf hin, dass Wilhelm Lehmbruck stark von Musik und dem Ballett beeinflusst war. Lehmbruck spielte selber Geige, liebte Debussy und sah (Skandal-)Vorstellungen des "Ballet Russe", bei denen auch Vaslav Nijinsky mitwirkte.

Die Verbeugung einer schönen Tänzerin vor dem begeisterten Publikum könnte Wilhelm Lehmbruck zu seiner "Knienden" inspiriert haben. Wir wollen es gerne glauben und verbeugen uns unsererseits vor dem Werk.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Ausstellung "100 Jahre Lehmbrucks Kniende — Paris 1911"

(RP)