TV-Kritik: WDR-Doku "Die Insel": Unglaubwürdiger Putzzwang im Problemhaus

TV-Kritik: WDR-Doku "Die Insel" : Unglaubwürdiger Putzzwang im Problemhaus

Das WDR-Fernsehen zeigt Samstag um 18.20 Uhr eine 30-minütige Dokumentation über das Hochhaus In den Peschen. Der Sender kündigt "Die Insel" als "Film aus der Perspektive von Menschen an, die eine Zukunft suchen". Als "dokumentarische Betrachtung, die im Inneren des Hauses und bei seinen Bewohnern bleibt." Und, wird betont: "da gibt es keinen Müll". Das zu zeigen, scheint das zentrale Anliegen der Filmemacher gewesen zu sei.

Denn alle Bewohner, die zu Wort kommen, sind in irgend einer Weise mit Saubermachen und Aufräumen beschäftigt. Da werden Fenster geputzt, Böden gefegt, Flure gewischt, Teller gespült, Spülbecken gereinigt, Zimmer aufgeräumt oder Wäschestücke zusammengelegt. Dauernd müssen die Erzählenden irgendetwas tun, um zu beweisen: "Da gibt es keinen Müll", da ist alles sauber und aufgeräumt.

Dass das Ganze völlig unnatürlich daherkommt, ist dem Sender wohl egal, oder er hat es billigend in Kauf genommen, um seiner These Nachdruck zu verleihen. Doch das Ganze kann auch ins Gegenteil umschlagen. Denn so mancher Zuschauer wird denken: Das ist so offensichtlich, das mussten die Bewohner für die Dreharbeiten so machen.

Und das ist schade. Die Menschen, die durchaus sympathisch rüberkommen und von ihrer Vergangenheit, ihren Ängsten, aber auch ihren Träumen, ihrer Kultur und ihrem Zusammenleben erzählen, werden unglaubwürdig. Weil sie instrumentalisiert wurden, um eine These zu belegen. Der Zuschauer denkt nur: So kann doch nicht wirklich das tägliche Leben der Roma in dem Hochhaus aussehen! Und dann kommt der Satz aus dem Munde der 14-Jährige Roxana: "Wir stehen früh auf und putzen zuerst."

Spätestens da wird die Dokumentation zur Farce. Die Filmemacher sind übers Ziel hinaus geschossen in ihren Bemühungen, zeigen zu wollen, dass die Roma mitnichten inmitten von Müllbergen hausen und mitnichten einfach in irgendeine Ecke urinieren, wenn ihnen danach ist. Und dass die Bewohner und die Stadt die Müllproblematik rund um das Gebäude jetzt im Griff haben, das ist auch keine Neuigkeit mehr.

Ansonsten hat der Film einige gute Ansätze. Wir lernen Bewohner kennen. Und das sind sympathische Menschen, die sich lieben und respektieren, obwohl sie, nach Roma-Tradition, als junge Menschen miteinander verheiratet wurden, die von einem ordentlichen Beruf träumen, mit dem sie ihre Familie ernähren können, die sich gegenseitig helfen und die sich für ihre Kinder eine bessere Zukunft wünschen. Sie erzählen, dass sie selbst nicht lesen und schreiben können, weil sie zu Hause von klein an hart arbeiten mussten und niemals in der Schule waren. Sie erzählen von ihrer Angst vor rechten Gruppierungen. Davon, dass sie mit Baseballschlägern und Messern bedroht wurden und sich fürchten, wenn sie aus dem Haus gehen.

Wie ihr tägliches Leben aussieht, davon erfahren wir wenig. Denn es muss ja die ganze Zeit geputzt und gewischt werden.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Das Ordnungsamt im Einsatz am Problemhaus

(RP)
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