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Duisburg: "Umbrüche" einst und heute

Duisburg : "Umbrüche" einst und heute

Mit dem spektakulären Singspiel "Stella - Das blonde Gespenst vom Kurfürstendamm" wurden die 38. Duisburger Akzente im Festivalzelt auf der noch brachliegenden Fläche des neuen "Mercatorviertels" eröffnet.

In einem Zelt, das auf mittelalterlichen Mauern steht, wurden jetzt die 38. Duisburger Akzente eröffnet. Der Veranstaltungsort symbolisiert dabei gewissermaßen das diesjährige Festivalmotto "Umbrüche". Schließlich soll die bislang noch brachliegende Fläche des neuen "Mercatorviertels" im Schatten der Salvatorkirche in wenigen Jahren zu einem der begehrtesten Wohn- und Arbeitsorte der Stadt werden.

Kulturdezernent Thomas Krützberg wies in einer Ansprache auf diesen Zusammenhang hin. Zugleich gestand er, dass bei der Festlegung des Mottos Anfang 2016 noch niemand an die weltweiten "Umbrüche" gedacht hat, die man heute mit dem "Brexit" oder der Trump-Wahl verbindet. Der Beginn der Reformation vor 500 Jahren oder die Oktoberrevolution vor 100 Jahren seien Anlässe für das Thema gewesen, das allerdings auch in die Gegenwart hineinspielen sollte.

Zum Auftakt der mehr als 100 Akzente-Veranstaltungen, die bis zum 26. März das Kulturleben in Duisburg prägen werden, gab es das spektakuläre Singspiel "Stella - Das blonde Gespenst vom Kürfürstendamm", eine Produktion der Neuköllner Oper in Berlin, die von der Deutschen Musical Akademie als "bestes deutschsprachiges Musical" ausgezeichnet wurde.

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Die Aufführung hatte es in sich. Die Geschichte, die da auf der zweistöckigen, halb verglasten Kastenbühne erzählt wird, ist einem besonders düsteren Kapitel deutscher Geschichte entnommen. Im Mittelpunkt steht Stella Goldschlag (1922 bis 1994), die zum moralischen Monster statt Opfer wurde. Stella hat Talent, sie ist blond, blauäugig und schön, und träumt davon, als Schauspielerin oder Sängerin Karriere zu machen. Doch das ist ihr in Nazi-Deutschland verwehrt. Als die Judenverfolgung sich zuspitzt und auch ihre Eltern erfasst, lässt sich Stella auf einen Pakt mit dem Teufel ein: Sie wird zur "Greiferin", verrät vermutlich Hunderte Juden, die sich in Berlin vor dem Zugriff der Nazis zu verstecken suchen. Auch als ihre Eltern in Auschwitz ermordet werden, arbeitet sie weiter für die Gestapo. Nach dem Krieg wird Stella der Prozess gemacht. Doch niemals bekennt sie sich zu ihrer Schuld. Im Gegenteil: Sie versucht sogar, sich als Opfer der Nazis auszugeben. Zehn Jahre sitzt sie in Lagerhaft. Nach ihrer Entlassung konvertiert sie, vermutlich aus Berechnung, zum Christentum. Sie bekennt sich öffentlich als Antisemitin. Am Schluss verübt sie im Alter von 72 Jahren Suizid.

Wolfgang Böhmer (Musik) und Peter Lund (Text) haben es gewagt, diese Biografie mit den Mitteln des Musicals auf die Bühne zu bringen (Regie: Martin G. Berger). Als Zuschauer und -hörer schwankt man zwischen dem Grauen vor der wirklichen Geschichte und der Faszination der Aufführung mit einer grandiosen Frederike Haas als Stella Goldschlag, die sich ähnlich zu rechtfertigen sucht wie Adolf Eichmann. Stella, die fünfmal verheiratet war, spielt mit den Männern und der Liebe; sie wird zur tödlichen Verräterin und Verbrecherin aus Angst, selber Opfer der Nazi-Mörder zu werden; sie sieht aus wie ein Engel, handelt in der Konsequenz jedoch skrupellos. Diese Zerrissenheit spiegelt sich in der Inszenierung überspitzt wider. Das Tempo ist atemberaubend. Die Videoeinspielungen, optischen Finessen und Anspielungen (das Publikum sieht sich zum Teil selber in spiegelnden Scheiben) wirken überwältigend.

Die Musik zitiert die Musik der 30er und 40er Jahre. Gelegentlich gewinnt sie eine Schärfe, die an Hanns Eislers Brecht-Songs erinnert. Auch das Männerquintett tanzt und singt perfekt. - Riesenapplaus trotz Beklemmung angesichts des Stoffes. So soll es wohl sein.

(pk)