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Duisburg: Trauerfeier ohne Adolf Sauerland

Duisburg : Trauerfeier ohne Adolf Sauerland

Ein Jahr nach der Loveparade-Katastrophe warten die Hinterbliebenen weiter vergeblich auf eine Entschuldigung und die Übernahme moralischer Verantwortung durch den Duisburger Oberbürgermeister. Der räumt inzwischen Fehler ein - aber die entscheidenden Worte sagt er nicht.

Es sind die denkwürdigsten Sekunden des Films "Die letzte Loveparade", den die ARD am 13. Juli um 23.30 Uhr ausstrahlt. Nach 40 Minuten sagt Adolf Sauerland: "Noch mal, das, was dann Fritz Pleitgen als Erster getan hat, hätte von mir kommen müssen." Die Interviewerin hakt nach. "Nämlich?" Der Duisburger Oberbürgermeister sitzt in den schweren Eichenmöbeln seines Büros im historischen Duisburger Rathaus und kaut an der entscheidenden Frage. Er schluckt. "Die Übernahme moralischer Verantwortung und sich bei den Angehörigen der Opfer zu entschuldigen."

Das sei so, sagt er. Im Nachgang wisse er es. "Es tut mir auch unendlich leid, dass ich es nicht getan habe, sofort. Sondern dass soviel Zeit vergangenen ist, bis es dann passieren konnte." Doch "es" passiert gar nicht. Mit keinem Wort. Keine Entschuldigung. Keine Übernahme moralischer Verantwortung. Adolf Sauerland wird auch die Chance nicht nutzen, den Fehler bei der Trauerfeier am 24. Juli im Duisburger Stadion zu korrigieren. Sauerland geht nicht hin, wie er auch zur Trauerfeier unmittelbar nach der Katastrophe nicht gegangen ist. Und nicht zur Einweihung des Mahnmals, das vor den Tunneln an der Karl-Lehr-Straße an die Opfer erinnern soll. Er weiß, dass es Hinterbliebene gibt, die seine Anwesenheit nicht wünschen. Aus Respekt gegenüber ihren Gefühlen bleibt er fern - und damit gegenüber den Opfern auch nach einem Jahr öffentlich weiter sprachlos.

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Eva Müller, Mitautorin des WDR-Films, hat im heute erscheinenden Magazin der Wochenzeitung "Zeit" einen Bericht über den Film mit dem Titel "Ein Mann, kein Wort" überschrieben. Auf ihre Frage, warum es ihm nach der Katastrophe mit 21 Toten und mehr als 500 Verletzten so schwer fiel, moralische Verantwortung zu übernehmen, weiß Sauerland letztlich keine Antwort. Hatte er Angst, er würde automatisch verantwortlich gemacht, wenn er sich entschuldige? "Ja, bis hin zur juristischen Verantwortung, die man daraus ableiten wollte", erklärt Sauerland im Film mit dünner Stimme und sagt dann weiter wie über einen anderen: "Und das hat dann dazu geführt, dass man sprachlos wird." Oder sich selbst dazu macht: "Er führt ja Gespräche mit Hinterbliebenen, aber er hat mit ihnen Stillschweigen darüber vereinbart", sagt sein Pressereferent Josip Sosic.

Der WDR-Film zeigt, wie weit der Weg dahin war. Erst Anfang 2011, mehr als ein halbes Jahr nach der Katastrophe, ernannte Sauerland einen pensionierten Amtsleiter zum "Beauftragten der Stadt Duisburg für die Betroffenen der Loveparade". Der Job des Pensionärs: Kontakte zur Gruppe der Hinterbliebenen knüpfen, Gespräche anbahnen. Doch anders als mit Loveparade-Veranstalter Rainer Schaller wollen die Hinterbliebenen nicht mit Sauerland reden. Auch mit Schaller redeten sie erst, nachdem er sich in einer Talkshow entschloss, moralische Verantwortung zu zeigen. Von der Nachricht, dass die Hinterbliebenen mit Schaller reden, nicht aber mit ihm, wird Sauerland während der Dreharbeiten überrascht: "Wenigstens den Versuch zu unternehmen, mit den Angehörigen zu sprechen, würde ich gerne wagen", sagt er.

Den Kontakt stellt schließlich Duisburgs Stadtdirektor Peter Greulich (Grüne) her, der mit Sauerland befreundet ist. Dass die Wut vieler Betroffener nicht Schaller, sondern Sauerland getroffen hat, erklärt Greulich seinem Freund auch damit, "dass du du selbst warst und dass dieses erschütterte Häufchen Elend nicht die Kraft vermitteln konnte, die viele gesucht haben". Es sei ein kleiner Trost, sagt Sauerland gegen Ende des Films, dass vielleicht die Aufarbeitung der Katastrophe zeigen könne, "unter welchen Bedingungen ich damals stand und was ich selbst rational dort leisten konnte und was schwierig war". Die Staatsanwaltschaft ist bei der Aufarbeitung von einer Anklageerhebung noch weit entfernt. Von den 16 Beschuldigten, gegen die ermittelt wird, stammen vier aus Schallers Firma, einer ist Polizist, aber elf sind Mitarbeiter des Rathauses. Adolf Sauerland könnte von einem Schweigen in das nächste rutschen.

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(RP)