Erleuchtung durch Laufen Leichtfüßig trotz Zehenverletzung

Duisburg · Vor dem Start beim elften Bunerts Lichterlauf tritt eine Frau unserem Autor auf den Fuß. Aufgeben ist aber nicht drin. Es folgt ein nachdenklicher Lauf mit Titulierungen in Klammern.

Zum Beispiel "Schauplätze der Weltkulturen". Läuft an diesem Abend auf Bayern Alpha. Wäre enorm spannend und bildungsfördernd. Stattdessen stehe ich mitten in der Nacht an der Regattabahn, weil ich mich vor Urzeiten leichtfertig wie überambitioniert zum Lichterlauf angemeldet habe. Wie auch die anderen vielen Tausend Menschen aus aller Welt (kommt mir jedenfalls so vor).

Und dann hüpft mir in der dichten Startaufstellung noch diese junge Frau auf den dicken Zeh. 30 Jahre jünger als ich, entspannt, fit und mit so langen Beinen, die im Laufsport eigentlich zur Disqualifikation führen müssten. Der Zeh tut höllisch weh, weshalb ich meine Konkurrentin — vorsichtshalber nur in Klammern — ab jetzt (blöde Kuh) nenne.

Ich hatte mich verspätet und darum weit weg geparkt, war zum Anmeldebüro in Weltrekordzeit gespurtet; und zwischendrin noch irgendein eklig süßes Power Gel — jetzt sogar mit 300 mg Sodium! Was bitte ist Sodium? Keine Zeit zum Googeln, also runter damit. Das Problem im Anmeldebüro: Irgendwo müssen jetzt meine wärmenden Klamotten hin, weil ich es zurück zum Auto nicht mehr schaffe. Also frag' ich eine der Helferinnen bei der Startnummernausgabe; die nimmt mein Päckchen auch tatsächlich an und verspricht sogar, bis zu meiner Rückkehr zu warten. Im Grunde ist das total nett. Doch beim Rausgehen dann ihre Frage: Aber Sie brauchen für die zehn Kilometer keine drei Stunden, oder? Hallo? Wie seh' ich denn aus? Eigentlich hätte ich aus nackter Empörung mein Päckchen wieder an mich nehmen müssen, doch so viel Ehrgefühl habe ich auch wieder nicht.

Kurze Zeit später dann das mit der (blöden Kuh) beim Start. Doch die habe ich trotz der eklatanten Fußverletzung — höchstwahrscheinlich sind mehrere Zehen gebrochen — schon nach ein paar hundert Metern für ewig abgehängt. Ich fange zu schnell an, ich weiß das. Egal. Bei Kilometer 3,5 schnauft die (blöde Kuh) dann von hinten heran und zieht — das muss ich jetzt zugeben — überraschend leichtfüßig an mir vorbei. Bis zum Ende der ersten Runde — wir durchlaufen gerade das Tor mit der Werbung von "Mizuno" (bekomme ich jetzt Laufschuhe vom Hersteller geschenkt?) — habe ich mich von dem Schock erholt.

Die (blöde Kuh) ist jedenfalls nicht mehr zu sehen und so beginnt mein einsames Rennen mit mir selbst, beginnt also mein Nachsinnen darüber, warum der Mensch im allgemeinen läuft und ich im besonderen laufe. Doch ein triftiger Grund will mir partout nicht einfallen. Ich bedenke ohne größeren Erfolg noch dies und das, da naht unverhofft das Ziel: grelles Licht, klatschende Menschen, laute Musik. Gilt das alles mir? Ja doch, ganz bestimmt. Alles ist plötzlich gut. Bis später im Wettkampfbüro.

Da steht die (blöde Kuh) mit so ein paar Mitläufern (Typ: Triathlon) zusammen und plaudert, als ob nichts gewesen wäre. Ich gehe achtlos an der (blöden Kuh) vorbei und ziehe meinen noch schwer verletzten Fuß hinter mir her. Ach ja, der Lichterlauf — bekloppt oder? Da fällt mir ein Zettel in die Hände: vom nächtlichen Halloween-Run Ende Oktober im Landschaftspark-Nord. Gar nicht übel. Also anmelden? Och, warum nicht. Ob mit oder ohne (blöder Kuh).

Unser Autor ist Leiter Geistliches Leben unserer Zeitung und in Duisburg beheimateter Langstreckenläufer.

(RP)
Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort