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Duisburg: Sport war (leider) nicht alles

Duisburg : Sport war (leider) nicht alles

Prof. Dr. Frank Becker, Historiker der Universität Duisburg-Essen, schreibt eine umfassende Biografie über Carl Diem, der die deutsche Sportgeschichte prägte, der in der NS-Zeit aber die Nähe zum Regime auf bedenkliche Weise suchte.

Er war Pädagoge, Publizist, Wissenschaftler und Funktionär in einer Person: Carl Diem prägte ebenso kontrovers wie vielseitig die deutsche Sportgeschichte. Vor allem seine Rolle im NS-Regime wird bis heute diskutiert. Um alle Facetten seines Lebens zu erhellen, hat Prof. Dr. Frank Becker von der Universität Duisburg-Essen (UDE) erstmals eine umfassende Biografie über den Mann verfasst, der 1936 die Olympischen Spiele nach Deutschland holte. Die neueste Ausgabe zur Weimarer Republik, Teil Zwei in der Chronologie des Projektes, vervollständigt die vierbändige Reihe.

Pünktlich zum 75-jährigen Jubiläum der ersten deutschen Olympiade ist die hitzige Debatte erneut entfacht: Sollten nach Carl Diem benannte Straßen, Plätze oder Hallen umbenannt werden? Wie stark war der einst angesehene Gründer der Deutschen Sporthochschule in den Nationalsozialismus verstrickt? Diesem und vielen weiteren Aspekten der außergewöhnlichen Geschichte Diems ist Becker als erster Biograf systematisch nachgegangen.

Für die Publikation "Den Sport gestalten. Carl Diems Leben (1882-1962)" hat der UDE-Historiker fast 6000 Briefe ausgewertet und etwa 12 000 Tagebuchseiten studiert. Dabei ist er schon früh auf "rassekundliche" Bemerkungen und belastende Belege gestoßen, die Diem als Antisemiten ausweisen – bereits vor der Machtübernahme durch die Nazis. "Bisher wurde darüber viel spekuliert", erklärt Becker. "Meine Forschungen zeigen aber ganz konkret, wie stark sich Diem in der NS-Zeit für das Regime engagiert hat, und dass er schon in der Weimarer Republik antidemokratisch eingestellt war.

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So schrieb der wichtigste Sportfunktionär seiner Zeit beispielsweise einem ehemaligen Studenten: "Unter allen schlechten Regierungen ist die Diktatur aber immer noch die relativ beste." Aussagen wie diese machten Diem aus heutiger Sicht als Vorbild und Namenspatron untragbar, bilanziert der Autor und streut damit Salz in die Wunden jener, die versuchen, die Ehre des deutschen Sportvaters weiter hochzuhalten. "Natürlich war er dennoch eine Schlüsselfigur der deutschen Körperkultur", räumt der Autor ein. "Als einer der ersten würdigte er sie als eigene Wissenschaft."

In seine Überlegungen bezieht Becker auch die Bedeutung der Mediengeschichte mit ein und zeigt, wie sehr sich Rundfunk, Presse und Sport gegenseitig zum Aufstieg verholfen haben. Damit schafft es die Biografie, den Sport auch als politisches Phänomen einzuordnen und das Wirken Carl Diems ebenso lebendig wie sachlich darzustellen.

Die weiteren Bände befassen sich mit Diem in der Kaiserzeit, der NS-Zeit und seinem Leben in der Bundesrepublik nach 1945. Das großangelegte Forschungsprojekt wurde von der Deutschen Sporthochschule Köln sowie dem Deutschen Olympischen Sportbund angestoßen und unter anderem von der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung finanziert.

Info Frank Becker: Den Sport gestalten. Carl Diems Leben (1882-1962). Band II: Die Weimarer Republik, Universitätsverlag Rhein-Ruhr, Duisburg 2011, 333 S., ISBN: 978-3-940251-81-7.

(RP)