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Duisburg: Sivas '93: Türkisches Theater-Trauma

Duisburg : Sivas '93: Türkisches Theater-Trauma

Wie eine ganz normale türkische Stadt sich innerhalb weniger Stunden in eine islamistische Hölle verwandeln konnte, mit mehreren zehntausend "Tod den Ungläubigen" brüllenden Demonstranten, zeigt das Theaterstück "Sivas '93" vom Istanbuler Dostlar Tiyatrosu, das im Rahmen der Akzente "Bosporus – Tor der Kulturen" im Theater am Marientor beeindruckte.

Sivas in Zentralanatolien. Am 2. Juli 1993 trafen sich dort Künstler, Intellektuelle und Folkloregruppen zu einem alevitischen Kulturfestival. Schon Tage zuvor hatten sunnitische Islamisten gegen Aziz Nesin, den Übersetzer von Salman Rushdies "Satanischen Versen" gehetzt. Schnell gerieten die Proteste außer Kontrolle. Die Sicherheitskräfte griffen erst – und auch nur zögernd – ein, als der berauschte Männer-Mob die Stadt beherrschte und das Madimak-Hotel, in dem Künstler und Gäste des Festivals wohnten, schon in Flammen stand. 37 Menschen starben bei dem Brand. 31 Täter wurden zu lebenslanger Haft verurteilt, die mutmaßlich staatsnahen Anstifter jedoch nie verfolgt. In seinem Dokumentarstück "Sivas '93", das in der Türkei oft gespielt wird, zeigt Autor, Regisseur und Schauspieler Genco Erkal dieses türkische Trauma in beklemmenden Film- und Fotoaufnahmen. Die Massen schreien "Gott ist groß" und werden unmenschlich. Der Hass auf die laizistische Republik ("Die Scharia wird die Unterdrückung beenden!") ist ebenso groß und erschreckend wie die Duldung durch den Staat (die Hälfte der Polizisten half den Angreifern, Armee und Feuerwehr wurden zunächst nicht durchgelassen). Erkal und seine fünf Kollegen verkörpern mit unmittelbar ansprechender Leidenschaft mal die Opfer, mal die Hinterbliebenen. "Wir wollten nur Liebe, aber der Staat war auf der Seite der Anderen", heißt es lapidar und "Wir spielten unser Stück, damit die Geschichte nicht vergessen wird. Und sich nicht wiederholt." Kräftiger und warmer Beifall der zahlreichen Zuschauer überwiegend türkischer Herkunft.

(RP)