Siglinde Wels hat 50 Jahre bei Spielwaren Roskothen gearbeitet

Ein Leben für die Spielwaren : Ein halbes Jahrhundert im selben Laden

Siglinde Wels hat seit ihrem 14. Lebensjahr im Spielwarengeschäft Roskothen gearbeitet. Dennoch war es für die dreifache Mutter ein durchaus bewegtes Arbeitsleben.

Mit 14 Jahren endete ihre Schullaufbahn, aufgehört zu lernen hat sie nie: Siglinde Wels hat 50 Jahre als Verkäuferin im Spielwarengeschäft Roskothen in Duisburg gearbeitet. Jetzt geht sie in den Ruhestand.

„Das hier war mein Leben“, sagt die 65-Jährige und geht voran durch den Laden, streicht hier über eine Kuscheldecke, nimmt da eine Puppe in die Hand, herzt jede Mitarbeiterin. Loslassen ist schwer. Dabei war der Einstieg eher zufällig. Mit der Mutter ging sie durch die Stadt, fragte in diversen Geschäften nach einem Ausbildungsplatz und landete schließlich auf dem Sonnenwall. Kommissar Zufall hatte eine glückliche Hand. Dabei ist sie gar nicht so der Fan von Gesellschaftsspielen, lässt sich nur von den Enkeln mal zum Puzzeln überreden.

Im Geschäft hat sie sich in vieles eingearbeitet, Warenannahme, Kalkulation, die Dekoration der Schaufenster – alles autodidaktisch. „Sie war bewundernswert lernfähig bis zuletzt“, lobt ihr Chef Boris Roskothen, das heute propagierte lebenslange Lernen hatte Wels von Anfang an im Blut. Azubis gegenüber galt sie als streng.

Boris Roskothen bewundert die Lernfähigkeit seiner Mitarbeiterin, die seit 50 Jahren dort arbeitet. Foto: FUNKE Foto Services/Michael Dahlke

Drei Kinder bekam Siglinde Wels, eine Arbeitspause legte sie nur nach der zweiten Geburt ein – für ein Jahr. Danach blieb sie zumindest in Teilzeit am Ball. „Man könnte es ja als Faulheit bezeichnen, dass ich nie woanders gearbeitet habe. Aber hier gab es ständig was Neues“, sagt sie im Rückblick. Herausforderungen wie der Generationenwechsel oder der Druck durch die Online-Konkurrenz. Boris Roskothen war vier Jahre alt, als Wels ihre Ausbildung antrat. Damals gab es noch Kinderwagen im Angebot, Textil. Als der „Junior“ Ende der 90er Jahre den Laden von seinem Vater übernahm, war er studierter Lehrer, aber kein Unternehmer.

Von seinem Vater hatte er gelernt, den pädagogischen Nutzen von Spielzeug zu hinterfragen. So trennte er sich sogar von der beliebten Marke Lego. Den Mitarbeitern brachte er bei, die alte Leier des „haben wir schon immer so gemacht“ über den Haufen zu werfen. „Eine Herausforderung für alle“, betont er, aber eine, die zusammenschweißt. „Das hier ist wie Familie“, bestätigt Wels. Das gilt selbst für die Kundschaft, die zum Teil in der dritten Generation zum Einkaufen kommen.

Als Verkäuferin ist sie auch jetzt noch überzeugend: „Fühlen sie mal, wie griffig die Puppe ist, wie weich sich der Bauch anfühlt. Das Haar ist kämmbar!“ Verliebt drückt sie die „Lolle“ genannte Käthe-Kruse-Puppe an sich, um sie gleich weiterzureichen. Besitzerwunsch geweckt. Mission erfüllt.

Dankbar ist sie, dass ihr der Abschied leichter gemacht wurde durch einen fließenden Übergang mit reduzierter Arbeitszeit. „Den ganzen Tag auf den Beinen stehen ist irgendwann doch viel“, gesteht die resolute Frau, die noch so gar nicht nach Rentnerin aussieht. Auf die Leiter würde sie auch jetzt steigen, aber ob sie das große Spielzeug heile herunterbugsieren könnte? „Ich will ja auch niemandem zur Last fallen“, sagt Wels. Und Roskothen glaubt, dass sich die Gesellschaft, Arbeitgeber zumal, flexibler aufstellen müssten, nicht zuletzt wegen des Fachkräftemangels. Er fährt gut damit, erfahrene Kräfte und junges Personal zu mischen, die einen mit Ruhe und Wissen, die anderen mit brennender Leidenschaft, Schnittmengen nicht ausgeschlossen.

Und was macht Frau Wels künftig? Enkelkinder zur Schule bringen, von der Kita abholen, Essen kochen – und Zeit freikämpfen, „ich will ja auch noch was mit meinen Freundinnen unternehmen“, sagt Wels und grinst. Die Karten sind neu gemischt.

(aka)