Duisburg: Schüler zusammen - und doch getrennt

Duisburg: Schüler zusammen - und doch getrennt

"Gefühlte hundert Jahre", wie Schulleiter Dr. Christoph Oster es ausdrückt, war das St.-Hildegardis-Gymnasium eine reine Mädchenschule. Im Sommer hat es erstmals Jungen aufgenommen. Die ersten Erfahrungen sind positiv.

Als bekannt wurde, dass sich das traditionsreiche St.-Hildegardis-Gymnasium für Jungen öffnen würde, gab es viele Kritiker. Aber es gab auch eine große Zahl von Eltern, die begeistert waren von der Neuerung - sowohl Eltern von Jungen, die ihr Kind jetzt auch zum Hildegardis, das einen sehr guten Ruf hat, schicken durften, als auch Eltern von Mädchen, die das Hildegardis an sich toll fanden, aber weniger das Konzept einer reinen Mädchenschule. Die Anmeldezahlen drücken das sehr gut aus: 53 Jungen konnten für das Schuljahr 2014/15 aufgenommen werden und 91 Mädchen - etwa 20 Mädchen mehr als sonst.

144 neue Schülerinnen und Schüler, das war eine stattliche Zahl. Statt drei wurden diesmal fünf Eingangsklassen gebildet. "Mit so einem Ansturm hatten wir nicht gerechnet. das ist ein Riesenjahrgang, das war noch nie dagewesen. Aber dadurch, dass wir vor gut drei Jahren ein neues Oberstufengebäude bekommen haben, sind die räumlichen Kapazitäten ja da", sagt Schulleiter Dr. Christoph Oster.

In den ersten drei Jahren werden die 144 Kinder getrennt unterrichtet, die Jungen in zwei, die Mädchen in drei Klassen. Nur in den Fächern Musik und Religion gibt es gemischte Klassen. Bei den Wahlpflichtveranstaltungen ab der Stufe acht, so der Plan, werden sich Mädchen- und Jungenklassen nach und nach mischen. Die Oberstufe wird dann komplett gemischt sein. "Mädchen und Jungen können so langsam aufeinander zugehen", so Oster.

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Dieses Konzept, ist er sicher, komme den Kindern sehr entgegen. Denn gerade in der fünften und sechsten Klasse seien Jungen und Mädchen doch sehr verschieden - was ihre Interessen und ihre Verhaltensweisen, aber auch ihre Lernmethoden und -systematik anbelange. "Auch bleiben Mädchen und Jungen in dem Alter meistens lieber unter sich, sie haben kein großes Interesse am anderen Geschlecht", sagt Oster. Auch dem werde man mit der anfänglichen Trennung gerecht.

Die Lehrer können seine Aussagen, die natürlich nicht auf alle Kinder, aber doch auf die meisten zutreffen, nur bestätigen. "Jungen sind lauter und lebhafter als Mädchen. Jungen brauchen im Unterricht mehr Struktur, Mädchen mögen es spielerischer", sagt Sebastian Burre, Klassenlehrer der 5c. Sein Kollege Sebastian Albiez, Klassenlehrer der 5d, bestätigt, was viele schon geahnt haben: Jungen fühlen sich eher zu naturwissenschaftlich-mathematischen Fächern hingezogen, Mädchen zu Sprachen. "Bei den Jungen gibt es im Fach Mathematik keinerlei Berührungsängste. Die stürzen sich auf die Aufgaben." Mädchen seien da doch viel zurückhaltender und müssten ganz anders angepackt werden. Mädchen wiederum könnten sich über längere Phasen konzentrieren, sagt Albiez, Jungen ließen sich schneller ablenken. Auch diesem Phänomen könne man in getrennten Klassen besser begegnen. Deutschlehrerin Simone Wolf-Hein hat ähnliche Erfahrungen gemacht: "Jungen brauchen ganz klare Aufgabenstellungen, sie brauchen Struktur im Unterricht. Mädchen können schon früher selbstständig arbeiten", sagt sie. Und auch das hat sie beobachtet: "Jungen konkurrieren untereinander sehr stark. Jeder will der Beste, der Schnellste sein." Sie will sich das zunutze machen und hat ihren Unterricht darauf eingestellt: "Genau da kann man sie doch auch packen und motivieren."

Das Kollegium und die Schulleitung sind sich einig: Mit ihrem Konzept können sie besser auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen, ihre Stärken fördern und ihre Schwächen ausgleichen. "So können wir allen besser gerecht werden", sagt Schulleiter Oster. "Ich glaube, wir sind auf einem sehr guten Weg."

(RP)
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