Duisburg: Schüler machen Film für Blinde sichtbar

Duisburg : Schüler machen Film für Blinde sichtbar

Sehbeeinträchtigte Schüler der Johanniterschule erarbeiteten eine Filmbeschreibung für eine Dokumentation, der nun mit Erfolg vor ihren Mitschülern uraufgeführt wurde - ein Projekt von "doxs!, Dokumentarfilme für junge Leute.

Die Schüler der Duisburger Johanniterschule können nur schlecht oder überhaupt nicht sehen. Wenn sie vor dem Fernseher oder im Kino sitzen, können sie nur mehr oder weniger erraten, welche Bilder ihnen präsentiert werden. An dieser Stelle setzt ein Projekt von "doxs!", das ist die Jugendsparte des Duisburger Dokumentarfilmfestivals, an, das mittlerweile deutschlandweit und zum Teil noch darüber hinaus arbeitet.

Seit vier Jahren entwickeln fortgeschrittene Schülerinnen und Schüler der Johanniterschule (Förderschwerpunkt Sehen) Audiodeskriptionen für Dokumentarfilme, deren Zielgruppe Jugendliche sind. Jetzt wurde die Hörfilmfassung für den aktuellen niederländischen 16-Minuten-Film "Loser" (Verlierer) in der Duisburger Schule für Sehbehinderte uraufgeführt. Das Besondere: Die akustische Filmbeschreibung wurde von Schülern dieser Schule selbst erarbeitet.

Acht Schülerinnen und Schüler der neunten und zehnten Klasse haben, aufgeteilt in zwei Gruppen, die Handlung des Films so mit Worten beschrieben, dass sie von Sehbehinderten oder auch blinden Menschen verfolgt werden kann. Sieben aus der Schülergruppe sind seheingeschränkt, aber sie können mit besonders starken Brillen die Bilder auf einer großen Leinwand oder in einer entsprechenden Auflösung auf Computerbildschirmen erkennen. Der achte Schüler der Gruppe ist blind. Seine Aufgabe bestand darin, den anderen Rückmeldung zu geben, ob ihre akustische Bildbeschreibung ihren Zweck erreicht.

Die Herausforderung bei einer akustischen Bildbeschreibung besteht darin, das richtige Maß zu finden. Es kann nämlich durchaus sein, dass zuviel beschrieben wird, weil der seheingeschränkte Filmkonsument an den Filmgeräuschen die Handlung ohne Weiteres auch alleine erkennt. Zuviel Beschreibung nervt da! Die andere Herausforderung besteht darin, die akustischen Filmbeschreibungen so in den Film zu integrieren, dass die natürliche Tonspur (Geräusche, Gespräche, Erklärungen aus dem Off) nicht beeinträchtigt wird. Es gilt also, die richtigen "Pausen" des Films für die Filmbeschreibung zu nutzen. Nicht zuletzt muss die Audiodeskription auf den Punkt verständlich, kurz und bündig und vielleicht auch elegant sein.

All diese Aufgaben waren bei dem Film "Loser" nicht einfach zu lösen. Die "Pausen", in denen eingesprochen werden konnte, waren nämlich ziemlich kurz. Da blieben oft nur wenige Sekunden für eine notwendige Filmbeschreibung. Außerdem musste eine besondere Sprachhürde überwunden werden, da die Originalsprache Niederländisch ist und von deutschen Schauspielern nur "übersprochen" wird.

All diese Herausforderungen haben die Schüler zusammen mit den Projektleitern bravourös gemeistert. Da wirkt auch für Normalsehende alles wohl zusammengefügt. Der Film selber ist übrigens keine seichte Kost. Es geht um das Thema Verlust und Verlieren, aufgeschlüsselt nach belanglosen oder auch existenziellen Lebensschicksalen: Verlust eines liebgewordenen Spielzeugs, Verlieren beim Sport, Verlusterfahrung durch den Tod der älteren Schwester.

Die Fertigstellung der Hörfassung geschah in mehreren Schritten, verteilt auf eine intensive Arbeitswoche. Zunächst mussten alle Szenen des Films erfasst werden, die eine Bildbeschreibung für seheingeschränkte unerlässlich machen. Etwa der "traurige" Blick auf ein Kuscheltier oder das lautlose Lächeln nach einem Satz. Dann mussten die Bildbeschreibungen formuliert werden, die sekundengenau in den natürlichen Tonpausen des Films einzufügen sind. Und nicht zuletzt haben die Schüler diese Beschreibungen selber eingesprochen, Letzteres so gut, dass man meinen konnte, hier sprächen ausgebildete Schauspieler oder Rundfunksprecher.

Die Hörfassung, die jetzt in der Schule uraufgeführt wurde, wird demnächst auf einer DVD verewigt. Schulen und Bildungseinrichtungen können den Film, der durch didaktisches Filmmaterial ergänzt wird, über den Vertrieb "Methode Film" beziehen (methode-film.de) .

Die Initiative "Junge Filmbeschreiber" ist eine Kooperation von doxs! mit dem Deutschen Blindenhilfswerk und wird gefördert von der Stiftung der Sparkasse Duisburg "Unsere Kinder - unsere Zukunft".

(pk)
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