Duisburg: Schauspielkunst der Bestien

Duisburg: Schauspielkunst der Bestien

Zu den Akzenten zeigt das Duisburger Theater als Eigenproduktion Heiner Müllers "Quartett". Regisseur Siebenschuh hat die dankbare Stückkonstruktion in seine Inszenierung intelligent auf- und übernommen und weitergeführt.

Von den acht Produktionen des diesjährigen Akzente-Theatertreffens steuert das Duisburger Theater selbst drei Premieren bei - zwei davon durch den "Spielkorb", nämlich "Dreck" von Robert Schneider mit dem Jungen Ensemble (am 11. März) und "Kain" von Friedrich Koffka mit dem Jugendclub (am 13. März). Den Anfang des Premierenreigens machte am Dienstagabend das Stück "Quartett" von Heiner Müller. Alle drei Inszenierungen bleiben übrigens über die Akzente hinaus auf dem Spielplan des Theaters. Für "Quartett" hat sich Duisburgs Schauspielintendant Michael Steindl den Regisseur Frank Siebenschuh, den Bühnen- und Kostümbildner Jörg Zysik sowie die Schauspieler Stephanie Gossger und Matthias Matz geholt. Während Matz schon des Öfteren auf der hiesigen Bühne stand, sind die anderen drei erstmals am Duisburger Theater engagiert. Stephanie Gossger war allerdings schon einmal als Sprecherin beim Kammerkonzert vor drei Jahren im Theater am Marientor dabei (die RP berichtete).

"Quartett" (1980) gehört zu den meistgespielten Stücken Heiner Müllers (1925-1995). Der Grund dafür ist vermutlich seine Zeitlosigkeit, denn Müller wählte als Orts- und Zeitangabe die Formulierung "Salon vor der Französischen Revolution. Bunker nach dem dritten Weltkrieg". Vorlage seines Zweipersonenstückes ist der skandalumwitterte Briefroman "Gefährliche Liebschaften" (1782) von Choderlos de Laclos, einem Hauptwerk der französischen Literatur. Der Roman schildert in 175 Briefen die Geschichte zweier Intrigen: Die geplante Verführung von Cécile de Volanges, einem naiven Mädchen, das gerade ihre Klosterschule verlassen hat, und die von Madame de Tourvel, einer tugendhaften verheirateten Frau. Betreiber der beiden Intrigen sind die Marquise de Merteuil und der Vicomte de Valmont, die sich nicht an moralische und traditionelle sexuelle Normen gebunden fühlen und einen ausschweifenden Lebenswandel führen.

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Müller hat diesen Briefwechsel in ein Drama verwandelt und dieses als Verwandlungsspiel zwischen Merteuil und Valmont dramatisiert - nach dem Motto: zwei spielen vier (deshalb der Titel "Quartett"). Dabei ist das Spiel im Spiel immer wortwörtlich präsent, wie zum Beispiel hier: "VALMONT: Was ist. Spielen wir weiter. MERTEUIL: Spielen wir? Was weiter?" - Regisseur Siebenschuh hat diese dankbare Stückkonstruktion in seine Inszenierung intelligent auf- und übernommen und weitergeführt, indem er seine Merteul (gespielt von Grossger) und seinen Valmont (gespielt von Matz) konsequent als Homo ludens auftreten lässt. Selbst die Monologe lässt er - wie es im Text heißt - als "Schauspielkunst der Bestien" durchgängig rhythmisch bis chorisch sprechen und klingen zuweilen wie Rezitative. Siebenschuhs Figuren sind immanente Spieler, ob in der Wirklichkeit oder Fantasie, ob in der Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft. Die Form und die Struktur seiner Regie sind die (vermeintlichen) Gegensätze: Mann - Frau, Frau - Mann, aber auch Licht und Schatten, oben und unten. Zu letztem Prinzip hat ihm Ausstatter Zysik (beide kennen sich von gemeinsamen Arbeiten am Zimmertheater Tübingen) eine schwarz ausgekleidete Bühne gebaut, die aus fünf mit goldenen (Himmels)Leitern versehenen Ausstiegen gefertigt sind. Ob er sich dabei von der goldenen Himmelsleiter auf dem Duisburger Forum inspirieren ließ - wer weiß?

Langanhaltender Applaus.

(reife)
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