Duisburg: Sauerland entschuldigt sich

Duisburg : Sauerland entschuldigt sich

Duisburg (RPO). Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland hat sich im Rahmen einer Ratssitzung bei Opfern und Hinterbliebenen der Loveparade-Katastrophe entschuldigt. Wenige Tage vor dem Jahrestag des Unglücks verharrten die Anwesenden im Duisburger Rat still bei einer Schweigeminute. Vielen Duisburgern kommt die Entschuldigung Sauerlands viel zu spät.

Eine öffentliche Erklärung Sauerlands war für diesen Nachmittag erwartet worden. Um 15 Uhr wurde die letzte Ratssitzung vor dem Jahrestag am 24. Juli eröffnet. Minutenlang saß Sauerland zuvor sichtlich nervös und in sich versunken im Ratssaal, ein Manuskript Papier in den Händen, das er immer wieder durchgeht. Bilder zeigen Sauerland, wie er vorher im Paternoster des Rathauses das Papier studiert.

Um 15 Uhr beginnt Sauerland pünkltich zu sprechen. Seine Stimme ist zittrig. Er begrüßt die Anwesenden und bittet sie, sich zu erheben. Dann kommt er zum Punkt und erinnert an das Unglück am 24. Juli 2010.

"Dies ist die letzte Sitzung vor dem Jahrestag der Loveparade. 21 junge Menschen fanden den Tod in einer beipiellosen Tragödie. Ungezählte wurden verletzt und leiden zum Til noch heute unter den Folgen dieses unheilvollen Tages",sagt Sauerland. Nach einem Jahr schmerze die Erinnerung sehr, die Wunden seien noch längst nicht verheilt.

Dann der entscheidende Passus:

"Als Oberbürgermeister dieser Stadt trage ich die moralische Verantwortung für dieses Ereignis. Es ist mir ein persönliches Bedürfnis, mich an dieser Stelle bei allen Hinterbliebenen und Geschädigten zu entschuldigen."

Länger als die Entschuldigung dauert die anschließende Danksagung. Viermal hintereinander beginnt er einen Satz mit den Worten "Ich danke".

"Ich danke allen, die im Jahr nach der Loveparade-Tragödie Opfer und Angehörige begleitet und Betroffene gestärkt haben."

"Ich danke allen, die als Polizeibeamte oder in Ordnungs-, Sicherheits, und Hilfsdiensten ihr Bestes gegeben haben und das Erlebte nicht vergessen können."

"Ich danke allen, die sich für einen würdigen Umgang mit der Erinnerung engagieren und allen, die das Geschehene verstehen wollen und Gerechtigkeit suchen."

"Ich danke allen, die mithelfen, dass unsere Stadt wieder nach vorne blicken kann."

Zum Abschluss eine Schweigeminute

Sauerland schließt mit einem Gedenken an die Opfer. Duisburg verneige sich in Trauer vor den 21 jungen Menschen, die vor einem Jahr ihr Leben verloren hätten. "Ihnen und allen anderen Opfern sowie deren Angehörigen gelten unsere Trauer, unser Mitgefühl und unser tiefer Respekt", sagt der Bürgermeister. Anschließend folgt eine Schweigeminute.

Zugleich stellte sich Sauerland demonstrativ hinter seine Mitarbeiter. Die Staatsanwaltschaft wirft Mitarbeitern der Stadt Versäumnisse bei der Prüfung des Sicherheitskonzeptes vor, wie unsere Redaktion am Montag berichtete.

Sauerland hatte sich nach der Katastrophe bislang geweigert, die politische Verantwortung für das Unglück zu übernehmen. Denen, die seinen Rücktritt forderten hielt er entgegen, an der Aufklärung des Unglücks mitarbeiten zu wollen und dies nur in seinem Amt leisten zu können.

Wie ein Paria

Die Duisburger protestierten wochenlang gegen ihren Bürgermeister. Schließlich wurde im Stadtrat ein Abwahlantrag eingereicht. Dafür kam allerdings keine Zweidrittelmehrheit zusammen.

Zwischen dem Stadtoberhaupt und seinen Bürgern herrscht seitdem eine weite emotionale Kluft. Den meisten Bürgern fällt es schwer, für den einst beliebten OB Verständnis aufzubringen. In der Stadt bewegt er sich mit unter wie ein Paria. Schon bei der Trauerfeier in der Salvatorkirche fehlte er, andere Veranstaltungen besuchte er heimlich und setzte sich in die hinterste Reihe, um niemanden mit seiner Präsenz zu verärgern.

Die Entschuldigung hat sich angedeutet

Auch die öffentliche Entschuldigung vom Montag wird die Stimmung in Duisburg nicht ändern. Die Bürger haben sich längst von Sauerland abgewandt. Eine aufrichtige Entschuldigung, auf die sie so lange gewartet haben, mit einem ganzen Jahr Verspätung? Zu spät und mittlerweile irrelevant. Stattdessen flüchtete sich ihr Bürgermeister in Unterscheidungen zwischen moralischer und politischer Verantwortung. Angeblich, weil er nicht riskieren wollte, eine Schuld einzugestehen, für die er nachher möglicherweise vor Gericht haftbar gemacht werden könnte.

Die Anti-Sauerland-Haltung der Duisburger war bereits vor einigen Tagen deutlich geworden, nachdem der OB in einem Interview erstmals Fehler im Umgang mit den Angehörigen der Opfer eingeräumt und eine Entschuldigung reichlich verwinkelt angedeutet hatte. "Die Übernahme moralischer Verantwortung, sich bei den Angehörigen der Opfer zu entschuldigen", das hätte von ihm kommen müssen. Es tue ihm unendlich leid, dass er es nicht sofort getan habe, sagte der CDU-Politiker dem "Zeit-Magazin". Eine direkte Entschuldigung blieb aus.

In Duisburg werden derweil seit einigen Wochen Unterschriften für die Einleitung eines Abwahlverfahrens gegen Sauerland gesammelt. Die Bürgerinitiative "Neuanfang für Duisburg" hat nach eigenen Angaben bislang mehr als 10.000 Unterschriften für die Abwahl Sauerlands gesammelt. Bis Oktober müssen sie die für das Abwahlverfahren benötigten 55 000 Unterschriften zusammenbekommen haben.