Duisburg Russisches Geigen-Genie

Duisburg · Auf dem Programm des jüngsten, zwölften und somit für diese Saison letzten Philharmonischen Konzerts im Theater am Marientor standen drei russische Werke des 20. Jahrhunderts. Der Solist war eine Sensation.

 Geigt, als gäbe es keine menschlichen Beschränkungen: Nikita Boriso-Glebsky.

Geigt, als gäbe es keine menschlichen Beschränkungen: Nikita Boriso-Glebsky.

Foto: sabine smolnik (du.Phil.)

Das Programm des jüngsten, zwölften und somit für diese Saison letzten Philharmonischen Konzerts war ein Wagnis, denn die drei russischen Werke des 20. Jahrhunderts waren zum Teil wenig bekannt und ein wenig fremdartig. Doch das Duisburger Publikum erwies sich wieder einmal als offen und aufmerksam, die Leistung der Ausführenden wirkte faszinierend.

Es begann mit dem kurzen "Märchen-Poem" (1971) der 1931 geborenen russisch-tatarischen Komponistin Sofia Gubaidulina, die seit 1992 in der Nähe von Hamburg lebt. Die Komposition entstand ursprünglich für eine Rundfunksendung über das tschechische Märchen "Die kleine Kreide". Gubaidulina sah darin eine Parabel auf die Stellung des Künstlers in der Gesellschaft: Alle benutzen die kleine Kreide, sie schrumpft dadurch immer mehr, bis sie sich glücklich auflöst. Nach der Uraufführung der Orchesterfassung 1992 in Hannover blieb es zunächst still um dieses Stück, bis eine Aufführung 2011 in Hamburg Aufsehen erregte. Inzwischen steht das "Märchen-Poem" landauf, landab auf den Spielplänen. Die Duisburger Philharmoniker widmeten sich jetzt unter der Leitung von Generalmusikdirektor Giordano Bellincampi diesen sanften Klangfarben sehr liebevoll. Mit seinem frühen Konzert für Violine und Orchester Nr. 1 (1957/62) war der vor 80 Jahren geborene russlanddeutsche Komponist Alfred Schnittke (1934-1998), der seit 1990 in Hamburg lebte, später nicht mehr so ganz zufrieden. Sicher, in dem 40-minütigen Stück hört man noch deutlich seine großen Vorbilder von Sergej Rachmaninow über Sergej Prokofjew bis - vor allem - Dmitri Schostakowitsch. Aber die perfekte Kompositionstechnik, eine interessante Dramaturgie und ein warmherziger Humor machen das fast vergessene Werk höchst hörenswert.

Die Sensation in diesem Philharmonischen Konzert war der Solist, der 1985 in Russland geborene Nikita Boriso-Glebsky. Er geigt, als gäbe es keine menschlichen Beschränkungen, er lässt die Musik ganz einfach und natürlich fließen, auch in seiner Zugabe aus einer Solosonate von Johann Sebastian Bach. Fast überflüssig zu betonen, dass auch der Dirigent und das Orchester ein sorgfältiges Plädoyer für das Schnittke-Konzert hielten, mit professionellem Herzblut.

Der dreiteilige Abend lebte unter anderem von der Steigerung der Besetzung. Während Gubaldulina auf Oboen und Blechbläser verzichtete, saßen bei Schnittke einige Musiker mehr auf der Bühne im TaM. Noch mehr waren es dann nach der Pause bei der beliebten Ballettmusik "Petruschka" (1911/47) von Igor Strawinsky. Die wirkte hier nicht ganz so gründlich geprobt wie der erste Teil, doch kam die knifflige Partitur durchaus gut herüber, auch dank gelungener Soli vor allem von Flöte und Klavier.

(hod)