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Duisburg: Rumelnerin will arbeiten, darf es aber nicht

Duisburg : Rumelnerin will arbeiten, darf es aber nicht

Nach einem Hundebiss kann Susann Steer nicht mehr als Briefzustellerin arbeiten. Die zuständige Knappschaft verweigert ihr eine Umschulung. Ein Fall für das Sozialgericht.

Die ehemalige Postzustellerin Susann Steer ist nach einem Arbeitsunfall zu 30 Prozent behindert. Sie kann und will dennoch arbeiten. Doch dazu müsste die 49-Jährige eine Umschulung machen. Aber die gewünschte Weiterbildung zur Finanzfachangestellten, die Steer lieber heute als morgen beginnen würde, verweigert die zuständige Knappschaft Bahn-See in Bochum der Mutter von zwei Söhnen (18 und 21). Schriftliche Begründung: Sie sei zu krank. Mündliche Begründung: Sie sei zu alt.

Beides hält Susann Steer schlicht für falsch und hat Widerspruch eingelegt. Aus gutem Grund: Denn seit 2014 bezieht die Frau, die noch 18 Jahre bis zu ihrer Rente arbeiten könnte, Arbeitslosengeld 1. Aber wenn ihr die Umschulung nicht bewilligt wird, erhält sie ab Juni nur noch Hartz IV - das sind seit dem 1. Januar exakt 399 Euro im Monat.

In einem Revier in Rumeln passierte Steer im März 2012 das, was vielen Briefträgern passiert: Sie wurde von einem Hund gebissen. Steer ist seither arbeitsunfähig, weil sie unter starken Schmerzen im rechten Bein leidet. Zudem plagt sie noch ein Bandscheibenvorfall. Zusammen genommen macht dies die 30-prozentige Behinderung aus. Bis Januar 2013 arbeitete die Rumelnerin noch weiter - dann musste sie aufgeben. Es folgte eine dreiwöchige Reha-Kur, bezahlt von der Rentenversicherung.

Weil sie wusste, dass sie nicht mehr als Zustellerin arbeiten konnte, stellte Steer Ende November 2014 bei der Knappschaft Bahn-See einen Antrag auf Umschulung. Der wurde abgelehnt. Zu allem Überfluss flatterte ihr Anfang 2015 auch noch die Kündigung der Post zum 31. März 2015 ins Haus. Inzwischen hatte Steer nicht nur 40 Initiativbewerbungen geschrieben, sondern bei der Knappschaft auch Maßnahmen zur Teilhabe am Arbeitsleben beantragt. Mit zweifelhaftem Erfolg. Zwar schickte die Knappschaft die Rumelnerin Mitte Dezember 2014 zur Beratung ins Berufsförderungszentrum Essen. Dort wurde ihr allerdings nicht wie gewünscht zur Steuerfachangestellten, sondern zu einer Umschulung in ihrem angestammten Beruf geraten: "Man riet mir zur Weiterbildung zur technischen Produktdesignerin, Fachrichtung Maschinen- und Anlagenkonstruktion. Diesen Beruf habe ich aber seit etwa 30 Jahren nicht mehr ausgeübt. Außerdem hatte mir ein Mitarbeiter der Arbeitsagentur Duisburg nach eingehender Prüfung erklärt: ,Frau Steer, es kommt nur eine Bürotätigkeit für Sie infrage'."

Genau die will Steer auch ausüben. "Aber genau diese Weiterbildungsmaßnahme bewilligt mir die Knappschaft nicht wegen angeblich mangelnder Erfolgaussichten." So steht es jedenfalls im schriftlichen Bescheid. Gegen diese Entscheidung der Behörde legte Steer Widerspruch ein. Auch der wurde inzwischen abgelehnt. Daher klagt sie jetzt mit Unterstützung des Sozialverbandes VdK Rheinhausen gegen die Entscheidung der Knappschaft beim Sozialgericht Duisburg. Sie sagt: "Seit zwei Jahren versuche ich, beruflich wieder auf die Beine zu kommen. Ich möchte eine solide berufliche Grundlage bis zur Rente haben! Die kann ich nur mit einer Umschulung bekommen!"

Auf Anfrage der Redaktion erklärte die Knappschaft Bahn-See: "Wir haben Frau Steer einige gute Angebote gemacht. Weiter wollen wir aber nicht zu dem Fall Stellung nehmen, solange das Verfahren vor dem Sozialgericht Duisburg läuft." Doch das kann mindestens ein Jahr dauern, beschied ihre Rechtsanwältin Susann Steer. Dann, im Juni 2016, wird sie, nach aktuellem Stand, genau ein Jahr mit Hartz IV gelebt haben.

(RP)