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Ruhrbistum: Kirchen gegen Gießkannenprinzip

Diskussion über Armut : Kirchen sollen das Herz sprechen lassen

Ruhrbischof Overbeck, der rheinische Präses Rekowski und der Vorsitzende der Bertelsmann-Stiftung de Geus forderten beim Sozialpolitischen Aschermittwoch eine bedarfsgerechtere Verteilung öffentlicher Gelder im Sozialbereich.

Für ein größeres Engagement gegen Armut und für mehr Teilhabe aller Menschen in der Gesellschaft haben sich Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck, der rheinische Präses Manfred Rekowski und der Vorsitzende der Bertelsmann-Stiftung, Aart Jan de Geus, bei einem „Sozialpolitischen Aschermittwoch“ der Kirchen ausgesprochen. Vor allem die Verteilung öffentlicher Gelder im Sozialbereich müsse sich hierfür stärker an echten sozialen Bedarfen orientieren als an Gleichheitsgrundsätzen, forderten die Gesprächspartner.

de Geus verwies auf den Widerspruch, dass es den Menschen in Deutschland einerseits insgesamt so gut gehe wie nie zuvor, andererseits aber die individuelle Armut zunehme: „Wir haben das höchste Pro-Kopf-Einkommen und die längste Lebenserwartung aller Zeiten, dies in einer historisch sehr langen Friedenszeit und mit einem hohen Bildungsstand.“ Doch dass es den Deutschen „insgesamt gut geht, heißt nicht, dass es jedem Einzelnen gut geht“, sagte de Geus, der in der Vergangenheit unter anderem niederländischer Sozial- und Arbeitsminister sowie stellvertretender Generalsekretär der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) war. „Das ist ein Problem der Verteilung, ein Fehler im System.“ So sei die Zahl der Kinder, die in NRW unterhalb der Armutsgrenze leben, in den vergangenen zehn Jahren um 70.000 auf 500.000 gestiegen. Jedes fünfte Kind in NRW sei betroffen. „Wenn jedes dieser Kinder auf einem Fahrrad sitzt, ist das eine Schlange von hier bis Paris und zurück“, machte er den zahlreichen Zuhörern die Dimension des Problems anschaulich.

Bischof Overbeck plädierte vor dem Hintergrund dafür, Sozialpolitik vor allem mit Blick auf ordnungspolitische Grundsätze zu sehen. Es dürfe nicht darum gehen „Menschen mit der Gießkanne zu alimentieren“. Auch wenn es „immer einen Teil der Menschen geben wird, die man alimentieren muss“ dürfe dies kein Grund-Prinzip sein. Auch Rekowski sprach sich gegen „die Verteilung sozialer Gelder mit der Gießkanne“ aus. Allerdings brauche es „Mut, Geld nicht nach dem Gleichheitsprinzip“ zu verteilen. Beispielhaft verwies der Präses auf gebührenfreie Kita-Jahre, wo öffentliche Gelder nicht nach Bedarf, sondern für alle gleich verteilt würden. Viel stärker müsse es seiner Ansicht nach „darum gehen, da Wirkung zu erzielen, wo es wirklich nötig ist“. Vor dem Hintergrund konkreter Hilfsprojekte brachte de Geus die Zusammenarbeit von Staat und Kirchen auf die Formel „Der Staat soll das Recht sprechen lassen – und die Kirchen sollen das Herz sprechen lassen.“ Auch wenn Menschen alle Rechte hätten, brauche es subsidiäre Strukturen wie die Tafeln, weil der Staat in Einzelfällen an seine Grenzen stoße.

Overbeck und Rekowski verwiesen auf die lange Tradition der Kirchen, gerade im Ruhrgebiet soziale Einrichtungen wie Kitas, Krankenhäuser, Schulen oder Altenheime für die gesamte Gesellschaft bereitzustellen. Allerdings hätten die Kirchen „immer auch eine Lobbyfunktion, für das Recht einzutreten“, betonte Rekowski. „Wir müssen dafür eintreten, dass Recht auch zu Recht wird“, ergänzte Overbeck.

Wie soziales Engagement konkret aussieht, berichtete Petra Schiffmann, die Vorsitzende der Oberhausener Tafel, die seit rund zehn Jahren an vier Tagen pro Woche rund 2000 Menschen mit Lebensmitteln versorgt. „Es ist sehr wichtig, dass es Leute wie uns gibt, damit Menschen, deren Geld nicht bis zum Monatsende reicht, hier ihren Hunger stillen können“, sagte Schiffmann zu ihrer Motivation. Rund 100 Mitarbeiter engagierten sich ausschließlich ehrenamtlich für das Projekt, das für sie auch ein Engagement für Teilhabe ist: „Durch die günstigen Lebensmittel bei uns können sich viele unserer Kunden auch mal Dinge wie einen Zoo- oder Kinobesuch leisten, der für sie sonst nicht möglich wäre.“

(tr)