Duisburg: Rock und Folk im Industriepark

Duisburg : Rock und Folk im Industriepark

Beim Traumzeitfestival überzeugen die Veteranen "Blumfeld" und die Newcomer "Parcels". Das neue Trendinstrument ist der Shaker. Tausende pilgerten in den Landschaftspark und genossen drei Tage Musik pur.

Seit das Traumzeitfestival im Landschaftspark seinen Wandel von Jazz und Weltmusik hin zum Popfestival vollzogen hat, lassen sich jedes Jahr hervorragend die Trends der Popularmusik an der Instrumentenwahl der Musiker ablesen. Im vergangenen Jahr betrat fast keine Band ohne Mundharmonika die Bühne, in diesem Jahr ist der Shaker das hippe Instrument der Wahl.

Die Kleinen fanden's gut - auch wenn sie für schonende Ohren sorgten. Foto: Christoph Reichwein

Zum Beispiel bei "Mighty Oaks" am Samstag in der Giesshalle, die den meisten Besuchern, anders als viele Geheimtipps, aus dem Radio bekannt sein dürften. Trotzdem enttäuschten die Musiker aus Berlin, zwar nicht mir ihrer blitzsauberen Musik, aber mit der kompletten Abwesenheit von Charisma und Alleinstellungsmerkmalen. Dafür aber mit denselben ausgeleierten Hymnen-Abschnitten, die auch mit zwei Promille noch super mitzugrölen sind.

Die imposante Kulisse im Schatten der Hochöfen. Foto: Christoph Reichwein

Doch das Festival nur auf die weichgespülte Band aus Berlin zu reduzieren, täte der Traumzeit unrecht, denn wie immer hatte das Festivalbüro echte Geheimtipps zum Hochofen geholt.

Doch von Anfang an: Standardmäßig eröffnete der Knappenchor mit einem beherzten "Glück auf!" am Freitag das Festival, und das erste Highlight folgte beinahe gleich auf den Fuß. In der Giesshalle ließen die Australier von "Parcels" das Disko-Feeling der 1970-er Jahre hochleben, komplett mit Schlaghosen und fragwürdiger Gesichtsbehaarung, und ausschließlich mit "echten" Instrumenten, von Samples aus der Konserve keine Spur.

Die Gitarrengrooves, der tolle Harmoniegesang und das unwiderstehlich groovende Bassspiel erschufen handgemachte Tanzmusik, die gleichzeitig auch musikalisch interessant genug war, um die Tanzmuffel im Publikum zu begeistern. Wie keine zweite Band auf dem Festival beherzigten "Parcels" James Browns lebenslanges Credo: "On the one!"

Headliner "Faber" kühlte das Publikum mit melancholischen Texten und seichter Gitarrenmusik dann wieder auf Betriebstemperatur herunter, Zeit für die Gäste, die gastronomischen Angebote der Traumzeit zu erforschen. Foodtrucks waren vor Ort, natürlich, die Suche nach der guten, alten Currywurst gestaltete sich dafür aber umso schwieriger.

Am Festivalsamstag stimmte zunächst Xavier Darcy das Publikum mit solidem Gitarrenpop ein, dann übernahm Matt Gresham, Singer-Songwriter und Surfer aus Australien. So klischeebehaftet wie seine Berufsbeschreibung klang seine Musik zum Glück nicht, im Gegenteil. Hervorragendes Gitarrenspiel und musikalische Akzente überraschten die Zuhörer, genauso wie "Stille Nacht" als Zugabe.

Das größte Ausrufezeichen am Samstag setzten dann die Routiniers von "Blumfeld". Frontmann Jochen Distelmeyer hatte außerdem die besten Moderationen des Tages zu bieten, leicht ironisch und angenehm anders: "Na geht doch, Duisburg."

Musikalisch lieferte die Band eine mitreißende Show, mit Texten zum mitsingen und -grölen, die aber trotzdem nicht belanglos waren. Bei Distelmeyers "Wohin mit dem Hass?", schrie der ganze Cowperplatz begeistert mit, und auch sonst lieferten die Hamburger die musikalisch beste Show des Festivalsamstags.

Der Sonntag wurde dann, ganz traditionell, mit der hervorragenden MKS Big Band eröffnet, die mit präzisem Satzspiel und tollen Soli den Grundstein für den letzten Festivaltag legte.

Ohne Frage: Je älter die "neue" Traumzeit wird, desto mehr findet sie ihren eigenen Stil. Auch für die kommenden Jahre dürfen die Fans auf Klassiker wie "Blumfeld" und Überraschungsbands wie "Parcels" hoffen.

(RP)