Duisburg: Rheinhausen - wie es wirklich war

Duisburg: Rheinhausen - wie es wirklich war

Im November 1987 begann in Duisburg einer der härtesten Arbeitskämpfe in Deutschland. Tausende Krupp-Arbeiter gingen auf die Straße, um die Stilllegung ihres Hüttenwerks zu verhindern. Veteranen enthüllen, wie sie den Widerstand gegen die Schließungspläne organisierten.

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p class="text">Duisburg-Rheinhausen Im "Reichsadler" ist die Zeit stehen geblieben. In der Traditionsgaststätte treffen sich wie vor 20 Jahren Rheinhausener quer durch alle Bevölkerungsschichten und zischen ihr Bierchen. Einer der Gäste am Tresen ist ein Mann, den fast alle im holzgetäfelten Saal kennen: Helmut Laakmann (58), gemeinsam mit dem stellvertretenden Betriebsratsvorsitzenden Theo Steegmann eine der Galionsfiguren des Protests gegen die Stilllegung des Krupp-Hüttenwerks in Rheinhausen. 160 Tage lang wehrte sich die damals noch 5300 Köpfe zählende Belegschaft von Krupp, unterstützt von einer beispiellosen Solidaritätswelle der Menschen in NRW, gegen die Schließung. Am Ende vergeblich. 1993 verließ die letzte Bramme Stahl das Werk.

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p class="text">Noch immer klopfen Leute ihm auf der Straße auf die Schultern und sagen: "Gut gemacht, damals." Am 30. November 1987 wurde Laakmann von einem Augenblick auf den anderen zur zentralen Figur im Kampf um die Erhaltung des Werks. Betriebsrats-Chefs Manfred Bruckschen war zwar stets in den Medien, tatsächlich zogen aber Laakmann und Steegmann die Fäden.

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p class="text">Am 26. November 1987 hatte Krupp-Vorstand Gerhard Cromme bestätigt, was bereits seit Tagen als Gerückt kursierte: Er wollte die Produktion in Rheinhausen stilllegen. Teile der Belegschaft legten spontan die Arbeit nieder.

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p class="text">Dann kam der 30. November. Auf einer Betriebsversammlung machte eine ratlose Belegschaft ihrer Wut Luft. Aber die Redner wussten mit dieser Stimmung nichts anzufangen, wirkten selber hilflos. "Bei der Rede von IG-Metall-Vorstandsmitglied Karin Benz-Overhage verließen viele Kollegen schon den Saal", erinnert sich Laakmann. "Da habe ich gedacht, "jetzt musst du was sagen". Aber am Rednerpult hieß es, er sei noch lange nicht an der Reihe. "Ich wollte schon gehen, als Theo Steegmann mich ans Mikrofon rief. Das war gut so. Denn 20 Minuten später hätte ich diese Rede wohl nicht gehalten."

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p class="text">Auch Steegmann (51), der damals mit Zottelmähne und Lederjacke eher einem Hard-Rocker als einem Stahlwerker glich, erinnert sich an die folgenden Minuten, als wären sie gerade erst vergangen: "Mir und vielen anderen ist es damals eiskalt den Rücken heruntergelaufen." In nur zehn Minuten weckte Laakmann den Kampfgeist der Männer: "Kruppsche Arbeiter, nehmt jetzt diese historische Stunde wahr, um endlich das auszufechten, was wir ausfechten müssen: für unsere Familien, für unsere Kinder, für die Menschen in diesem Lande."

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p class="text">Mitentscheidend für die emotionale Wirkung der Rede war, dass hier nicht irgendein Betriebsrat zum Kampf aufrief, sondern die graue Eminenz des Stahlwerks. Laakmann war Abteilungsleiter und galt als harter Knochen. "Eine Schmelze geht noch", war einer seiner häufigsten Sätze. Von der Pieke an hatte sich der Verfahrenstechniker hochgedient. Mit 14 begann Laakmann als Laufbursche für den Aufsichtsrat. Als 27-Jähriger war er bereits jüngster Obermeister in der Geschichte des Konzerns. Viele in der Belegschaft hatten ihn eher auf Arbeitgeberseite vermutet.

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p class="text">Seine Schlüsselstelle nutzte er als Chef-Organisator des Widerstands. "Wir haben den Arbeitskampf betrieben so, wie wir Stahl gemacht haben", erzählt Laakmann. Er bestimmte, welche Arbeitsgruppen wann zu den "Informationsveranstaltungen" des Betriebsrats gehen sollten. Die übrigen blieben auf ihren Arbeitsplätzen, konnten aber keinen Stahl produzieren, weil zum Beispiel die Kranführer gerade auf einer Versammlung waren. Auf diese Weise musste Krupp weiter Lohn zahlen, obwohl in Rheinhausen nur noch so viel Stahl produziert wurde, wie zur Sicherung der Hochöfen nötig war. "Heute kann ich das ja erzählen", sagt Laakmann. "Nach 20 Jahren kann ich nicht mehr in Regress genommen werden."

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p class="text">Er war es auch, der seine Mannschaft damals aufforderte, die Rheinbrücke nach Hochfeld zu besetzen. Die meisten waren Feuer und Flamme für die Idee. Bedenken zerstreute Laakmann durch einen unmissverständlichen Hinweis: "Ich habe deutlich gemacht, dass ich bei einer Stilllegung derjenige sein werde, der entscheidet, wer auf welches andere Werk im Konzern verlagert wird. Das hat geholfen."

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p class="text">Der Widerstand der Belegschaft verzögerte die Schließung. Zudem wurden 1988 wieder Produktionskapazitäten wurden benötigt. Als das Werk dann fünf Jahre später dicht machte, gab es großzügige Sozialpläne und Vorruhestands-Regelungen. Heute sind dort im Logistikzentrum Logport 2500 Menschen beschäftigt. Die Arbeitslosenquote in Rheinhausen (8,7 Prozent) ist niedriger als in Gesamt-Duisburg (13,4).

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p class="text">Die "Helden" des Widerstandes hatten durch ihr Engagement keinen Nachteil. Nachdem Laakmann durch die Talkshows der Republik gereicht worden war, beförderte ihn der Krupp-Vorstand zum Betriebsleiter. Als das Werk dicht machte, wechselte Laakmann auf die Unternehmerseite. Er betrieb auf dem Krupp-Gelände fünf Jahre lang eine Recyclinganlage. Dann musste er in einen anderen Stadtteil umziehen. "Das habe ich finanziell nicht stemmen können und bin insolvent geworden. Alle meine Leute sind vom Nachfolgeunternehmen übernommen worden." Nur Laakmann selbst war eineinhalb Jahre lang arbeitslos. Jetzt arbeitet er als PR-Manager bei einem Wohlfahrtsverband in Essen. Steegmann studierte Wirtschaftspädagogik und ist heute Ausbilder in der Stahlindustrie.

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p class="text">Für beide hatte der Arbeitskampf auch privat ein gutes Ende gefunden. Sie lernten dabei ihre späteren Frauen kennen, die damals als Lehrerinnen Solidaritätsaktionen organisierten. "Hätte ich mich damals nicht eingemischt", sagt Laakmann, "wäre ich ein unglücklicher Mensch geworden."