Rheinhausen: Mieter an der Lindenallee seit Monaten ohne Aufzug

Lindenallee in Rheinhausen : Mieter seit drei Monaten ohne Aufzug

Die Mieter an der Lindenallee sind verzweifelt, weil sich die Firma Adler so viel Zeit mit der Reparatur des Aufzugs lässt.

Gisela Pinnau fühlt sich eingesperrt. In ihrer eigenen Wohnung. Seit drei Monaten kann die 90-Jährige das Mehrfamilienhaus an der Lindenallee 15 nur noch im Notfall verlassen. So gerne wäre die alte Dame vergangene Woche eine Runde durch die Frühlingssonne spaziert. „Flache Strecken schaffe ich noch gut.“ Aber zwischen ihrer Wohnung in der 6. Etage und dem Ausgang im Erdgeschoss steht aktuell ein Hindernis, das ihr die Teilnahme am Alltagsleben verwehrt: ein Treppenhaus mit 102 Stufen, die zu Fuß bewältigt werden müssen. Der Aufzug ist seit Mitte Dezember stillgelegt.

Wenn die 90-Jährige mit vielen Pausen unten ankommt, zittern ihr die Beine. Auch andere leiden unter der Situation. Die Bewohner des knapp 40-Parteien-Hauses sind wütend und ratlos. Salhia Yenice wohnt ganz oben in der siebten Etage und muss mit ihren sieben und acht Jahre alten Söhnen täglich x-mal die Treppe rauf und runter. Seit der Aufzug kaputt ist, plagen sie Knieschmerzen. Ihre Nachbarin Anita Heinz hat sowieso schon gesundheitliche Probleme mit den Beinen und muss zum Rehasport. Treppen steigen soll die 82-Jährige eigentlich nicht. „Aber ich muss ja“, sagt sie. „Wie soll ich die sieben Etagen sonst nach unten und oben kommen?“

Seit Dezember hängt der Zettel am Aufzug: außer Betrieb. Foto: FUNKE Foto Services/Herold

Özgül Duman wohnt zwar nicht ganz oben, sondern in der vierten Etage. Aber die alleinerziehende Mutter steht täglich vor der Herausforderung, ihr zweieinhalbjähriges Kind zum Erklimmen der vielen Stufen zu animieren. Und: Sie muss den Kinderwagen nach oben schleppen. „Unten lassen kann ich den nicht. Die Haustüre ist ständig kaputt und hier wird alles geklaut.“

Was den Mietern jetzt den Rest gegeben hat, war ein Notfall, den sie hautnah mitbekommen haben. Eine Mieterin aus der 6. Etage hatte einen epileptischen Anfall. Mit Mühe und Not hat die Feuerwehr die 75-Jährige durchs Treppenhaus transportieren können. „Dazu waren sieben Leute nötig“, sagt Salhia Yenice. „Das hat mir so richtig bewusst gemacht, wie gefährlich das hier ohne Aufzug werden kann. Was ist denn, wenn meinen Kindern etwas passiert?“ Es gab auch den umkehrten Fall, dass eine Bewohnerin aus dem Krankenhaus entlassen wurde und vom Fahrdienst einfach im Erdgeschoss abgesetzt wurde. Ohne Aussicht, es alleine bis in die 6. Etage zu schaffen. Das hat eine Nachbarin mitbekommen. „Der Fahrer hat mir gesagt, er hätte Rückenschmerzen. Da hab ich ihm gesagt, ich rufe die Polizei, wenn er die Frau nicht nach oben bringt.“

Von der Hausverwaltung Adler GmbH seien die Mieter seit Dezember hingehalten worden, ohne konkrete Information darüber zu bekommen, wann der Aufzug wieder funktionieren wird. Özgül Duman zeigt uns einen Brief. „Wir bedauern, Ihnen noch kein genaues Datum zur Instandsetzung nennen zu können“, so die Firma Adler. am 19. Februar. Auf Nachfrage in der Berliner Pressestelle des Unternehmens gibt es dann doch ein Datum. „Die Arbeiten zur Erneuerung werden in drei Wochen starten und die Gesamtmaßnahme wird voraussichtlich in der Kalenderwoche 28 abgeschlossen. Danach sollte der Aufzug wieder funktionieren“, schreibt Pressesprecher Rolf-Dieter Grass. Die Kalenderwoche 28 ist im Juli – bis dahin werden die Mieter der Lindenallee fast sieben Monate ohne Aufzug sein. Warum hat das so lange gedauert? „Wir haben mit einem Fachingenieur zusammen geplant, ausgeschrieben und beauftragt. Das braucht seine Zeit, weil es hier um eine komplette Erneuerung der Aufzugsanlage geht.“

Das sieht Peter Heß vom Mieterschutzbund anders. Zumal sich an der Lindenallee 15 offenbar schon seit 2016 abgezeichnet hatte, dass der Aufzug immer wieder kaputt geht und nicht mehr lange reparierbar sein wird. „Wenn die Hausverwaltung nicht rechtzeitig vorsorgt, dann muss sie im Notfall sofort handeln“, so Heß. Und zwar ohne langwierige Ausschreibungen zu machen, um ein günstiges Angebot zu bekommen.

„Hätten die Bewohner von ihrem Recht Gebrauch gemacht, die Miete zu kürzen, wäre es mit der Reparatur bestimmt schneller gegangen“, vermutet der Mieterschützer. Özgül Duman ist die einzige Mieterin, die sich getraut hat zu kürzen. Um 15 Prozent. „Das halte ich in diesem Fall für absolut angemessen“, so Heß. Um Bürokratieaufwand zu sparen, hat die Firma Adler die junge Frau schriftlich gebeten, die Miete erst rückwirkend erstatten zu lassen, wenn der Aufzug repariert sei. Davon rät der Fachmann ab. „Hinterher kann man dann schnell auch sagen, jetzt ist es aber zu spät.“

Derweil versorgt die Hausverwaltung die Bewohner immerhin mit Wasser, das vor die Wohnungen gebracht wird. Außerdem kann zweimal pro Woche ein „Tragedienst“ für den täglichen Bedarf geordert werden. „Manchmal gibt es von unserer Seite aus eine kleine Überraschung zusätzlich“, so Pressesprecher Grass. Überraschung? Özgül Duman überlegt. „Ach ja, wir haben am Anfang mal eine Tafel Schokolade bekommen.“ Das war kurz vor Weihnachten. So lange steht der Aufzug schon still.

(jum)