Duisburg: Rheinhausen - 30 Jahre danach

Duisburg : Rheinhausen - 30 Jahre danach

In den Räumen der Hochemmericher Begegnungsstätte Wulius ist eine bemerkenswerte Ausstellung zum Arbeitskampf um das Hüttenwerk aufgebaut, der damals weltweit für Schlagzeiten gesorgt hat.

Erinnern und nicht vergessen: Vor 30 Jahren, am 27. November 1987, entflammte der legendäre Arbeitskampf um das Krupp-Stahlwerk in Rheinhausen. Damit schrieben die Stahlarbeiter ein Stück bundesdeutsche Geschichte. "Will man sich erinnern, muss man auf die Geschichte zurückschauen und diese lebendig erhalten", so Ingrid Lenders (66) und Jürgen Tholl (61), Macher einer Ausstellung zum 30. Jahrestag und Vorstandsmitglieder der Interessengemeinschaft Margarethensiedlung. Seit gestern und noch bis Samstag sind viele Videos, Fotos und Texte in der Begegnungsstätte "Wulius" an der Hans-Böckler-Straße 8 in Hochemmerich zu sehen.

Was Lenders und Tholl besonders am Herzen liegt: "Es ist wichtig, dass wir diese Geschehnisse unserer Jugend erhalten, ihr nahe bringen und darüber nachdenken, was wir daraus gelernt haben." Besonders die rund 20 Videofilme und die etwa 120 Fotos, die sich gestern nach der Eröffnung bereits zahlreichen Bürger anschauten, vermitteln auch heute noch, wie engagiert, wie kreativ, wie vielfältig die Kruppianer damals 165 Tage um ihr Werk kämpften, in dem schon die Generationen der Väter und Großväter hart gearbeitet hatten. Eindrucksvoll wird dokumentiert, dass damals die ganze Stadt hinter den Stahlarbeitern stand. "Die Ausstellung haben wir auch gemacht, weil wir damals selbst betroffen waren und täglich mit auf der Straße standen", so Ingrid Lenders. "Es war ein sehr einschneidendes Ereignis für alle, für einen persönlich, die Familie und die Freunde."

Rückblick: Die Familie von Ingrid Lenders war erst im Mai 1987 in die Margarethensiedlung, eine Kruppsche Werkssiedlung in Hochemmerich gezogen. Ihr Mann war damals auf der Hütte als Ultraschaller in der Werkstoffprüfung beschäftigt, sie war technische Zeichnerin. Schon kurz nach dem Beginn des Arbeitskampfes gründete Ingrid Lenders mit Aletta Esser, Sigrid Kleer und Christa Beutelmann die Rheinhauser Fraueninitiative, die rasch auf mehrere hundert Frauen anwuchs "Wir wollten als Frauen nichts abseits stehen." Dutzende Male trafen sich die Frauen meistens dienstags in der Menage an der Friedrich-Alfred-Straße und planten die nächsten Aktionen. "Einmal haben wir die Stünning-Kreuzung in Hochemmerich blockiert, Weihnachten ein Gesteck zum Tor 1 getragen, in der Fußgängerzone Koksöfen angezündet. Die Solidarität war groß, wir haben zusammengehalten." Die Frauen kamen aus ganz Rheinhausen. Und nicht nur Frauen von Krupp-Arbeitern engagierten sich."

Noch ein Zeitzeuge: Manfred Vollmer (69), freier Fotograf aus Essen, war der fotografische Dokumentarist des Arbeitskampfes, Er war mit seiner Kamera bei allen Höhepunkten dabei, lichtete alle wichtigen Aktionen ab. Vollmer fotografierte im Auftrag der IG Metall, aber auch aus eigenem, solidarischem Interesse am Arbeitskampf.

An den Wänden hängen unter anderem Bilder des Pressefotografen Manfred Vollmer,. Foto: Jörg Schimmel

Von ihm sind auch eine Reihe von Fotos in der Ausstellung zu sehen, die auch in diverse Bildbände zum Arbeitskampf Eingang fanden: "Der ökumenische ,Brot und Rosen'-Gottesdienst vor Weihnachten im Walzwerk von Krupp war für mich der emotionale Höhepunkt aller Aktionen im Arbeitskampf. Vor Weihnachten war das emotional sehr intensiv. Den Gottesdienst habe ich von oben von der Drahtbahn fotografiert." Unvergessen sind auch der Cromme-Auftritt vor dem Eingang des Krupp-Verwaltungsgebäudes an der Gaterwegbrücke, die kämpferische Rede von Helmut Laakmann vor den Beschäftigten im Werk, der Stahlaktionstag im gesamten Ruhrgebiet und natürlich die Besetzung der Brücke der Solidarität.

Vollmer findet, dass sich seit dem Krupp-Arbeitskampf bis heute an den Entscheidungen von Wirtschaftsbossen nicht allzu viel geändert hat. Ein Beispiel: "Siemens steht eigentlich blendend da und schreibt blendende Zahlen. Aber wenn ein Werk nicht genug abwirft, wird es gnadenlos geschlossen."

(RP)
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