Raoul Schrott liest aus "Eine Geschichte des Windes"

Lesung von Raoul Schrott : Tatsachenbericht als Schelmenroman

Raoul Schrott las in der Zentralbibliothek aus seinem neuen Buch „Eine Geschichte des Windes“.

(hod) um die ganze Welt. Im September 1519 brach er als Kanonier mit Magellans Flotte auf. Meutereien, Schiffbrüche, Kämpfe, Krankheiten, Hunger, Menschenfresserei – nach fünf Jahren kehrte von fünf Schiffen mit 250 Seeleuten nur ein einziges Schiff mit 18 Mann zurück, unter ihnen „Juan Alemán“. Von ihm weiß man nicht viel mehr, als dass er noch ein zweites und sogar drittes Mal zur Weltumsegelung aufbrach.

Raoul Schrott, vor 55 Jahren in Tirol geborener Weltdichter, hat darüber sein jüngstes Buch „Eine Geschichte des Windes“ geschrieben, das er jetzt für den Verein für Literatur in der Zentralbibliothek vorstellte. Wer Schrott-Lesungen kennt weiß, dass dieser Autor nicht einfach nur aus seinem Werk vorliest, sondern über die Hintergründe und Verwicklungen desselben ebenso kundig wie kurzweilig improvisiert. Das neue Buch enthält fast nur Fakten, zum Teil sogar Zitate, ist aber lebendig aufbereitet wie ein Roman. Schrott recherchierte dafür nicht nur in spanischen Archiven, sondern vor allem auch in Patagonien, wo der Wind das wesentliche Wetter ist, daher der Titel „Eine Geschichte des Windes“.

Der Wagemut im 16. Jahrhundert war groß, so Schrott, denn „der Wind war das, was ihre Segelschiffe antrieb, aber sie hatten keine Ahnung vom Wind, wussten nicht wann er wo weht, schon gar nicht dass er in Patagonien aus drei Richtungen gleichzeitig kommt.“ Magellans erste Weltumseglung sei eine „unfreiwillige“ gewesen, denn ursprünglich ging es darum, für die spanische Krone einen eigenen Seeweg zu den Molukken zu finden, wo es Muskatnüsse und Gewürznelken gibt, die damals mit Gold aufgewogen wurden – gegen die portugiesische Konkurrenz, wobei der Kapitän Magellan ja selbst Portugiese war, was auch zu Konflikten führte. Schrott wollte „Ihren NRW-Landsmann“ Hannes im Buch eigentlich Öcher Platt sprechen lassen, aber die Sprachwissenschaftler konnten ihn nicht ausreichend beraten, „da habe ich als Hilfsmittel BAP gehört“.

Vollends zum Schelmenroman wird der Tatsachenbericht durch jene in Duisburg gelesene Passage, in welcher der nach Sevilla zurückgekehrte Hannes dort keinen roten Heller erhält und sich gemeinsam mit einem verarmten Edelmann durchschlägt. Beide werden von einem Bankier und dessen hauptsächlich finanziell attraktiver Tochter über den Tisch gezogen. Schrott freute sich diebisch über die überbordende und rücksichtslose Sprache, die er in diesem Buch verwenden durfte, „nicht die politisch korrekten Sieben-Wörter-Sätze der aktuellen deutschen Schriftsteller-Sprache“. Das Ergebnis ist humorvoll, daher erfreute sich auch das hiesige Publikum daran.

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