Duisburg: Querdenkerin beeindruckt junge Hörer

Duisburg: Querdenkerin beeindruckt junge Hörer

Rita Süssmuth, die frühere Präsidentin des Deutschen Bundestages, sprach frei und mitreißend an der Universität vor einer großen Zuhörerschaft über "Wissenschaft in der Einwanderungsgesellschaft".

Man musste sogar ins neue Hörsaalgebäude ausweichen für den Vortrag über das Verhältnis von Zuwanderung und Wissenschaft von Professor Dr. Rita Süssmuth am Dienstagabend an der Universität Duisburg-Essen (UDE), so groß war die Nachfrage. Die übliche akademische Viertelstunden-Verspätung zu Beginn kam diesem Umstand offenbar ganz recht.

"Wissenschaft in der Einwanderungsgesellschaft", darüber sprach im Rahmen eines Seminars mit Studierenden die frühere Präsidentin des Deutschen Bundestages, die derzeit an der NRW School of Governance an der UDE eine Gastprofessur für Politikmanagement der Stiftung Mercator innehat. Sie gelte als politische Querdenkerin und Wegbereiterin einer modernen Migrations- und Integrationspolitik, sagte in Vertretung von UDE-Rektor Professor Dr. Ulrich Radtke, der Prorektor für Entwicklungs- und Ressourcenplanung, Prof. Dr. Thomas Spitzley in seinem Grußwort. Und Professor Dr. Andreas Blätte, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Politikwissenschaft, der Süssmuth seinerzeit für die jetzige UDE-Gastprofessur vorschlug, ergänzte, dass sie seit langem bereits gegen Ausgrenzung kämpfe und stattdessen für eine nachhaltige Einwanderungsstrategie eintrete. Insofern greife die öffentliche Vorlesung ein wichtiges Thema auf, das zum Nachdenken darüber anregen würde, wie in einem politisch riskanten Umfeld das Verhältnis von Forschung und politischer Praxis gestaltet werden müsse.

Nachdem die offizielle Urkundenübergabe für die Gastprofessur bei der Gelegenheit zeitgleich noch vollzogen wurde, trat Süssmuth vor die zahlreich erschienene, überwiegend junge Hörerschaft. Manuskriptfrei sprechend ohne vorbereitete und abgelesene Rede konnte die mittlerweile 81-Jährige nicht nur ihr Publikum erreichen, sondern es auch begeistern. "Ich bin gerne hier und bedanke mich bei der Universität und der Stiftung für die Gastprofessur", sagte sie. "Danke sage ich aber auch, dass ich auf diese Weise, wie einst, wieder in der Wissenschaft tätig sein darf." Denn nach ihrer Promotion 1964 arbeitete sie als wissenschaftliche Assistentin, dann als Gastdozentin sowie Lehrbeauftragte an Hochschulen in Stuttgart, Osnabrück und Bochum. An der Ruhr-Universität wurde sie ordentliche Professorin und folgte etwas später einem Ruf der Universität Dortmund.

  • Duisburg : Rita Süssmuth übernimmt Gastprofessur

Die Demokratie stehe derzeit auf dem Prüfstand, diagnostizierte sie den Zustand der Gesellschaft gegenüber Migration und Integration. "Wie schaffen wir Zukunft? Wie geht es weiter mit uns?" Das seien existenzielle Fragen der Menschen, um die sich Wissenschaft ebenso wie Politik kümmern müsse. Selbst, wenn es gute wissenschaftliche Studien zu bestimmten Themen gebe, manches ändere sich daraufhin nur schleppend bis gar nicht. Doch "geht nicht" gibt es nicht in ihrem Vokabular. "Wir brauchen die Wissenschaft, um gesellschaftliche Probleme anzugehen. Dafür müsse diese unabhängig und frei sein." Das aber gehe nur in einer Demokratie, sagte Süssmuth klar und deutlich. "Demokratie ist zuweilen zwar mühsam, aber alternativlos, um mit den Worten der Kanzlerin zu sprechen."

1994, als Süssmuth bereits Bundestagspräsidentin war und damit gemäß dem Inlandsprotokoll das zweithöchste Staatsamt bekleidete, forderte sie bereits ein Einwanderungsgesetz in Deutschland. Der Widerstand gegen diese Forderung war übergroß. "Niemals", sagten damals ihre Kritiker. "Doch", sagte sie: "Das wollen wir mal sehen." Und so sei bei ihr der Widerstandsgeist nach wie vor größer als die Willensschwäche. "Die Zeit ist überfällig für ein solches Gesetz. Seit 25 Jahren sprechen wir nur darüber."

Ein Grundproblem sieht Süssmuth darin, dass die Migranten an solchen wie auch an anderen vergleichbaren Prozessen nicht beteiligt werden. "Statt über die Migranten zu reden, muss man mit ihnen reden." Und: "Es sollte viel mehr darüber gesprochen werden, was uns mit den Neuen eint, als was uns von ihnen trennt." Die wissenschaftliche Losung, die sich die UDE beispielsweise auf ihre Fahnen geschrieben hat: "Offen im Denken" nämlich, wäre auch gesellschaftlich ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

(RP)
Mehr von RP ONLINE