Duisburg: Provozieren und trösten

Duisburg : Provozieren und trösten

Nacir Chemao, in Marokko geboren, lebt nach seinen Studienjahren in Casablanca und Paris seit 30 Jahren in Duisburg. Seine Wahlheimat macht er oft zum Thema seiner Kunst. Am 13. Juni stellt er in seiner neuen Galerie an der Schwanenstraße 40 aus.

Nacir Chemao wurde 1954 in Marokko als Sohn eines Gouverneurs geboren. Nacir besuchte zunächst eine Akademie für Bildende Kunst in Casablanca. Nach dem Erwerb des künstlerischen Diploms studierte er an der Pariser Sorbonne Kunsttheorie und Philosophie. 1977 kam er zum ersten Mal nach Duisburg. Seit mehr als 20 Jahren hat er hier seinen festen Wohnsitz. Für Samstag, 13. Juni, ab 14 Uhr, lädt Nacir Chemao in seine neue Galerie an der Schwanenstraße 40 ein (Kontakt unter www.chemao.de). Mit Nacir Chemao sprach Peter Klucken.

Fühlst du dich in Duisburg wohl?

Chemao Meistens ja. Manchmal wünsche ich mir mehr Anerkennung. Nicht nur von den Offiziellen, sondern auch von den "richtigen", den "echten" Duisburgern.

Was sind "echte Duisburger"?

Chemao Das kann zum Beispiel ein MSV-Fan sein, der möglicherweise keine Ahnung vom Fußballsport hat. Aber er bekommt schlechte Laune, wenn "sein Club" verliert. Das hat etwas mit Identität und Liebe zu tun.

Du lebst seit vielen Jahren hier in der Stadt. Fühlst du dich selber inzwischen als "echter Duisburger"?

Chemao Ja, klar! Ich merke das immer, wenn in Duisburg etwas geschieht, das mich zwar nicht unmittelbar persönlich betrifft, mich aber trotzdem ärgert. Beispielsweise, wenn historische Kräne in Ruhrort einfach abmontiert werden, nur weil sie wirtschaftlich keinen unmittelbaren Nutzwert mehr haben. Ich habe dann den Eindruck, dass man mich selber demontiert. Die Duisburger, und ich fühle mich als Duisburger, brauchen Wahrzeichen.

In deinen Gemälden klingen immer wieder Duisburger Themen an. Was reizt, was inspiriert dich?

Chemao Ich arbeite meist in Serien. Deshalb tauchen in einer ganzen Reihe von Bildern in unterschiedlich Varianten allgemeine Identitätspunkte wie zum Beispiel das Rathaus auf. Mich inspirieren auch Ereignisse wie Karneval oder, wenn es mal klappt, ein MSV-Aufstieg. Und immer wieder sind es Begegnungen mit Menschen, die zum Malen antreiben. Aber genauso oft kommt es vor, dass mich Dinge ärgern. Das spiegelt sich auch in meinen Bildern wider.

Im Laufe der Jahre hast du verschiedene künstlerische Ansätze entwickelt. Bombast Art, Paradoxart, Gelbe und Blaue Periode sind einige Stichworte. Wie siehst du selber diese Phasen oder Wandlungen?

Chemao Diese verschiedenen Richtungen sind ästhetische Antworten auf Fragen oder Probleme, die mich bewegen. Bisweilen kann man angesichts von Krisen nur noch lachen, wobei etwas Traurigkeit dazu gehören kann. Die Farbe Gelb ist für mich etwas Besonderes; sie ist ein Warnsignal. Blau hat mit dem Ich zu tun, sie ist für mich die Farbe der Existenz schlechthin. Paradoxart bedeutet für mich zum Beispiel, dass ich mit meinem Werk provozieren und trösten möchte.

Arbeitest du mit Symbolen?

Chemao Mit diesem Wort habe ich Schwierigkeiten. Meine Bilder sollen offen und nicht hermetisch sein. Sie sollen anregen, inspirieren. Sie sollen in der Lage sein, Depressive Lust zum Weiterleben zu machen. Ich suche im Grunde nach der richtigen Ästhetik für die Menschen; für alle, unabhängig von Rasse, Geschlecht, Glauben, Einkommen usw. Die Antwort auf deine Frage ist wohl: Ich denke in offenen Bildern, nicht in begrenzten Symbolen. Meine Kunst hat immer etwas mit Freiheit zu tun. Ich glaube, dass es ohne Freiheit keine Kreativität gibt.

(RP)
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