"Tierquälerei": Proteste gegen Duisburger Delfinarium

"Tierquälerei": Proteste gegen Duisburger Delfinarium

Tierschützer bezeichnen die Haltung der Säuger als Tierquälerei und fordern ein Verbot. Der ehemalige "Flipper"-Dompteur und Oscar-Preisträger Richard O'Barry will mit den Aktivisten vor dem Duisburger Zoo für die Schließung des Delfinariums demonstrieren.

Ihre Klassenkameraden im Publikum kreischen, als der Delfin die zehnjährige Chioma in einem kleinen Plastikboot quer durchs Becken zieht. Nach einigen Runden übers Wasser im Duisburger Delfinarium steigt das Mädchen wieder aus dem Boot, streift sich die orangefarbende Schwimmweste ab und strahlt vor Freude: "Das war ein tolles Erlebnis."

Doch nach dem Willen von Tierschützern sollen solche Aufführungen mit den Säugern künftig nicht mehr in Zoos zu sehen sein. Die Haltung der Tümmler sei nicht artgerecht, argumentieren sie. "Das ist reinste Tierquälerei und gehört verboten", sagt Jürgen Ortmüller vom Wal- und Delfinschutz-Forum (WDSF). "Statt um Artenschutz und Aufklärung geht es den meisten Betreibern nur ums Geld. Delfine sind weltweit ein Milliardengeschäft."

Selbst Biologen wie Christian Schulze, der an der Ruhr-Universität Bochum im Fachgebiet Zoologie forscht und ein Gutachten über die Haltung von Delfinen verfasst hat, vertreten den Standpunkt: In kleinen Wasserbecken haben die hochintelligenten Meeressäuger nichts zu suchen. Der Bochumer Wissenschaftler hat ein Gutachten über die Haltung von Walen und Delfinen verfasst.

Im Duisburger Zoo sollen in den vergangen 20 Jahren viele Säuger verendet sein, behauptet Jürgen Ortmüller. Das nordrhein-westfälische Umweltministerium bestätigt in einem Schreiben 15 Todesfälle in dem Zeitraum. Das Papier liegt unserer Zeitung vor. Das Ministerium stuft die Delfinhaltung als bedenklich ein. "Es ist mehr als fraglich, ob ein Zoo Delfinen den Platz bietet, den sie benötigen", sagt ein Sprecher. Doch eine rechtliche Handhabe, die Delfinarien zu schließen, fehlt. Zwar gibt es in Deutschland gesetzliche Richtlinien bezüglich der Delfinhaltung. "Jedoch halten sich die Zoos an diese Bestimmungen", erklärt der Ministeriumssprecher. Für ein Delfinverbot in Zoos müssten die Gesetze verschärft werden — und das stehe laut Ministerium aktuell bundesweit nicht zur Debatte.

Neben Duisburg halten in Deutschland derzeit noch die Zoos in Münster und Nürnberg Delfine hinter dicken Glasscheiben, wobei es in Nürnberg keine Vorführungen mehr gibt und das Delfinarium in Münster demnächst geschlossen werden soll. Im Duisburg leben derzeit sieben Delfine (große Tümmler). Erst im August vergangenen Jahres kam ein neues Jungtier zur Welt. Die Tiere werden dort seit 1965 gezüchtet. Drei Mal am Tag finden Vorführungen statt. "Wir halten die Delfine, weil wir vor allem auf den weltweit bedrohten Bestand der Tiere hinweisen wollen", sagt der zoologische Leiter Rochen Reiter. "Wir tun alles, damit es den Tieren bei uns gutgeht."

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Das sehen die Tierschützer nicht so. Sie vermuten sogar, dass weitaus mehr Tiere gestorben sind, als offiziell angegeben wird. "Wir gehen davon aus, dass mindestens 60 Delfine seit den 1990er Jahren verendet sind", sagt Ortmüller. Beweisen kann er seine Behauptung nicht. Seine Organisation klagt gegen die Stadt Duisburg als oberste Aufsichtsbehörde für den Zoo auf Akteneinsicht. "In den Papieren findet sich bestimmt eine Reihe von nicht bekannten gestorbenen Delfinen", sagt Ortmüller. Die Stadt hat sich bislang geweigert, die Dokumente zu veröffentlichen und will sie auch weiter unter Verschluss halten. Im Sommer entscheidet das Verwaltungsgericht Düsseldorf über den Fall.

Der Duisburger Zoo weist die Vorwürfe als unwahr zurück. "Wir haben nichts zu verbergen", sagt Jochen Reiter. Warum sich der Duisburger Tierpark dennoch gegen die Veröffentlichung der Akten wehrt, erklärt Reiter so: "Wir wollen vermeiden, dass sich unsere Gegner an harmlosen Fällen wie etwa der Behandlung von erkälteten Delfinen mit Präparaten aufhängen."

Prominente Unterstützung erhalten die Tierschützer von Hollywoodstar Richard O'Barry, der für seinen Dokumentarfilm "Die Bucht" vor zwei Jahren mit dem Oscar ausgezeichnet wurde und 2011 den Bambi erhielt. Der 73-Jährige trainierte in den 1960er Jahren die Delfine der Fernsehserie "Flipper" — bis sich einer der Säuger vor seinen Augen selbst tötete, weil er in der Gefangenschaft nicht zurechtkam. Seitdem setzt er sich für die Schließung von Delfinarien ein. Am 30. März wird O´Barry mit anderen Aktivisten vor dem Duisburger Zoo demonstrieren.

Die zehnjährige Chioma und ihre Klassenkameraden bekommen von der Diskussion um die Haltung der Delfine nicht viel mit. Sie sind ins Delfinarium gekommen, um das Verhalten der Tiere zu beobachten. Im Sachunterricht beschäftigen sie sich gerade mit im Wasser lebenden Säugetieren. Über die Delfine werden sie ein Referat halten. "Toll, dass die Kinder im Zoo noch die Möglichkeit haben, die Tiere aus nächster Nähe zu studieren", sagt Schulleiterin Natalie Heinrichs Meyer. Sie hofft, dass es so bleibt.

(RP/jco/anch/top)
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