Polizeipräsidentin über Clans in Duisburg: "No-Go-Areas hat es nie gegeben"

Duisburgs Polizeipräsidentin über Kampf gegen Clans : „Die haben ihre eigenen Richter“

Duisburgs Polizeipräsidentin Elke Bartels erklärt im Interview, wieso der Kampf gegen Verbrecherfamilien so schwierig ist. Außerdem spricht sie über das scheinbare Verschwinden der Motorrad-Rocker und über Erfolge im Kampf gegen Einbrecherbanden.

Elke Bartels ist als Präsidentin der Duisburger Polizei Chefin von rund 2500 Mitarbeitern und Auszubildenden. Davon kümmern sich rund 1500 als Polizeibeamte um die Sicherheit auf Duisburgs Straßen. Zum Interview treffen wir Bartels in ihrem Büro im Duisburger Polizeipräsidium. Es ist Nachmittag und die Herbstsonne nähert sich bereits dem Horizont.

Hallo Frau Bartels, schauen Sie doch einmal aus dem Fenster. Es wird gleich schon dunkel. Die beste Zeit für Einbrecher, oder?

Elke Bartels Das stimmt. Aber wir haben in den vergangenen Jahren in NRW und auch in Duisburg einen drastischen Rückgang in Sachen Einbruchsdiebstahl erlebt. Das ist auf gute Ermittlungs- und auf gute Aufklärungsarbeit zurückzuführen. Wir sind mit den Zahlen sehr zufrieden, glauben aber nicht, dass sie sich noch weiter werden senken lassen.

Wieso das?

Bartels Nun. Weil wir in unserer Arbeit schon sehr erfolgreich sind. Und die Banden, die jetzt noch da sind, werden nicht einfach so verschwinden. Wir sind sicher, dass wir auch in diesem und in den kommenden Jahren immer wieder auf bekannte Gesichter treffen werden. Man könnte sagen, dass die den Sommer über in ihren Heimatländern in Südosteuropa Urlaub gemacht haben. Und jetzt – nach ihren Ferien – kommen sie wieder zu uns. Wir haben diese Gruppen aber im Blick.

Gute Ermittlungsarbeit und niedrige Fallzahlen sind das eine. Das subjektive Sicherheitsempfinden der Bevölkerung ist aber etwas ganz anderes. Viele Duisburger sagen, sie fühlen sich heute unsicherer als früher. Woher kommt das?

Bartels Das Phänomen beschäftigt uns auch. Nur 44.000 Straftaten, die niedrigste Kriminalitätsrate seit zehn Jahren. Und trotzdem fühlen sich die Leute unsicherer. Ich denke, wir müssen über unsere Kommunikation nachdenken. Über die Frage, wie wir unsere eigentlich guten Botschaften vermitteln können.

Die Duisburger Polizei macht also schlechte Öffentlichkeitsarbeit?

Bartels Nein. Im Gegenteil. Ich denke wir sind heute wesentlich transparenter als früher. Wir informieren in Echtzeit, bespielen Kanäle wie Twitter und Facebook. Ich denke, die Herausforderung ist eher eine gesellschaftliche. Soziale Medien machen unsere Meldungen über Straftaten heute deutlich sichtbarer für Jedermann. Außerdem werden auf diesen Plattformen auch gezielt Ängste geschürt...

Schlechte Nachrichten werden häufiger geteilt...

Bartels Genau. Die Frage muss also sein, wie man es erreicht, dass sich die guten Botschaften ebenso weit verbreiten.

Ein Beispiel für die negativen Auswirkungen sozialer Medien könnte der Duisburger Norden sein. Wenn man auf Youtube den Begriff „Marxloh“ eingibt, finden sich auf der ersten Seite fast ausschließlich Geschichten von Verwahrlosung, Verbrechen und Polizeieinsätzen. In der Vergangenheit war im Zusammenhang mit dem Duisburger Norden viel von Clans und No-Go-Areas die Rede...

Bartels Die hat es in Duisburg nie gegeben.

Die Clans oder die No-Go-Areas?

Bartels Es gab in Duisburg zu keiner Zeit und nirgendwo No-Go-Areas. Wir sind zu jeder Zeit überall in der Stadt im Einsatz gewesen, wenn es die Situation erfordert hat.

Aber es gibt im Norden schon Clans mit einem gewissen Territorialanspruch.

Bartels Das lässt sich nicht leugnen. Aber seitdem wir das Projekt „Triangel“ angestoßen haben, ist dieses Klientel im Straßenbild wesentlich unauffälliger.

Projekt Triangel?

Bartels Darunter verstehen wir den ständigen Einsatz eines Teils der Hundertschaft im Stadtviertel. Damit haben wir 2016 unsere Präsenz in Marxloh deutlich erhöht. Dadurch konnten wir die sogenannte „Street Corner Society“ deutlich zurückdrängen. Das waren die Leute, die an Straßenecken herumgelungert und so getan haben, als würde die Straßen ihnen gehören. Dass diese Leute jetzt nicht mehr zu sehen sind, heißt aber natürlich nicht, dass es sie nicht mehr gibt. Dieser Illusion geben wir uns nicht hin.

Das Innenministerium verfolgt ja wie Sie auch eine Null-Toleranz-Strategie und setzt auf ständige Nadelstiche. Außerdem gibt es in Marxloh die sogenannten „Staatsanwälte vor Ort“, die sich um Clankriminalität kümmern sollen. Darüber hinaus ist die Stadt mit im Boot. Viele Akteure also. Wie läuft da die Zusammenarbeit?

Bartels Sehr gut. Problemlos. Unser gemeinsames Vorgehen in Sachen Clans ist ein Erfolgsmodell. Wir hatten alleine in diesem Jahr bislang 144 Einsätze in diesem Zusammenhang. Daran haben neben uns unter anderem Staatsanwaltschaft, Steuerfahndung, Ordnungsamt und Zollverwaltung teilgenommen. Und wir profitieren dabei voneinander. So weiß zum Beispiel die Steuerfahndung viel besser als wir, wo es Geschäfte gibt, die man sich im Zuge einer Razzia vielleicht einmal genauer angucken sollte.

Ist das Problem mit der Clankriminalität in Duisburg denn überhaupt so groß? Es ist doch immer die Rede davon, dass zum Beispiel in Essen deutlich mehr Familienmitglieder aktiv sind.

Bartels Nun ja, die Clankriminalität in NRW umfasst per Definition des Landeskriminalamts erst einmal nur Straftaten von Familienclans mit kurdisch-libanesischem Hintergrund. Zu dieser Personengruppe rechnen wir in Duisburg rund 2000 Personen. Und das sind tatsächlich weniger als zum Beispiel in Essen. Das ist richtig. Dieser Personenkreis ist bei uns aber auch nicht mehr das Hauptproblem. Was unsere Stadt angeht, ist der Clan-Begriff derzeit noch etwas eng definiert. In Duisburg gibt es zunehmend Schwierigkeiten mit Familienverbänden mit rumänischem oder bulgarischem Hintergrund. Und da sprechen wir von 22.000 Personen.

Das ist die Zahl der Zuwanderer aus Rumänien und Bulgarien in Duisburg. Die sind doch nicht alle kriminell...

Bartels Nein, natürlich nicht. Aber unter diesen 22.000 gibt es eben auch einige, die sich nicht so benehmen wie sie es sollten. Und die agieren eben auch aus Familienstrukturen heraus.

Wieso sind diese Familienstrukturen so problematisch?

Bartels Weil die Beteiligten nicht mit uns reden. Und weil sich die Kriminalität zum Teil auch zwischen den einzelnen Familien abspielt. Wenn uns zum Beispiel Schlägereien oder Messerstechereien gemeldet werden, finden die Kollegen vor Ort zwar möglicherweise Verletzte vor, können aber überhaupt nicht zuordnen, bei wem es sich um ein Opfer und bei wem es sich möglicherweise um einen Täter handelt. Die sind der Meinung, dass sie uns nicht brauchen, um ihre Probleme zu lösen.

Was meinen Sie damit?

Bartels Da haben sich regelrechte Parallelgesellschaften gebildet, die mit der Polizei beziehungsweise der deutschen Obrigkeit im Allgemeinen überhaupt nichts am Hut haben. Die regeln alles selbst, haben zum Beispiel eigene Richter, eigene Vollstrecker. Diese Strukturen überhaupt erst einmal zu verstehen, ist gar nicht so einfach. Natürlich können wir das so nicht hinnehmen. Aber die Botschaft ist: Wir wissen, dass es das gibt. Und wir gehen im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten auch dagegen vor.

Das klingt, als gebe es da noch viel Arbeit. Im Kampf gegen eine andere Problemgruppe haben sie in den vergangenen Jahren aber schon große Erfolge gefeiert...

Bartels Sie sprechen von den Rockerbanden?

Genau

Bartels Nachdem wir das Satudarah-Verbot 2015 und das Kuttenverbot im Jahr 2017 erwirkt haben, ist es wirklich so, dass die Rocker in ihrem Auftreten zurückhaltender geworden sind. Natürlich sind die Bandidos und die Hells Angles noch da. Das wissen wir auch. Aber die gehen ihren Geschäften vor allem im Rotlichtviertel mittlerweile so nach, dass sie uns nicht mehr auf den Plan rufen.

Wie haben sie das erreicht?

Bartels Wir sind da sehr strikt vorgegangen. Immer wenn sich Stress angebahnt hat, sind wir in voller Mannstärke angerückt und haben denen klargemacht, dass wir das nicht hinnehmen. Das war für deren Geschäfte natürlich schädlich. Sie können sich vorstellen: Wenn eine Hundertschaft vorm Laufhaus herumsteht, hält das schon den ein oder anderen Freier ab.

Sie haben die Rocker also bei ihrem Geld gepackt?

Bartels So ist es.

Wäre das nicht auch eine Lösung für die Clans?

Bartels Das ist sicherlich ein Ansatz.

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