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Sprengsatz in Duisburger Wettbüro: "Offene Kriegserklärung" im Rockermilieu

Sprengsatz in Duisburger Wettbüro : "Offene Kriegserklärung" im Rockermilieu

Der Rockerkrieg in NRW eskaliert: Bereits zum zweiten Mal in dieser Woche hat es gestern Morgen in Duisburg einen Anschlag mit einer Handgranate auf eine Einrichtung der Rockerbande Hells Angels gegeben. Die Polizei vermutet, dass verfeindete Motorradgruppen hinter den Taten stecken.

Es ist kurz nach 2.30 Uhr, als die Bewohner eines Mehrfamilienhauses in Duisburg-Wanheim am Donnerstag durch einen lauten Knall unsanft aus dem Schlaf gerissen werden. Im Ladengeschäft unter ihren Wohnungen ist ein Sprengsatz detoniert. Die Wucht der Explosion verwüstet beinahe die gesamte Inneneinrichtung: Plasmabildschirme, Stühle und Tische sind in Stücke gerissen, die Fenster zersprungen. Verletzt wird niemand. Die Polizei spricht von einem gezielten Anschlag. "Ein Unbekannter hat eine Granate in das Geschäft geworfen. Aber wir haben deutliche Anhaltspunkte dafür, dass die Spur ins Rockermilieu führt", sagt ein Polizeisprecher.

In dem zertrümmerten Laden befindet sich ein Wettbüro, das gestern eröffnet werden sollte. Die Sprengstoffexperten des Landeskriminalamtes (LKA) wurden bei der Spurensicherung von Rockern auf der anderen Straßenseite beobachtet. Aus Polizeikreisen war zu erfahren, dass die Lokalität der Rockerbande Hells Angels gehören soll. "Ein ranghohes Mitglied dieser Gruppe war am Tatort, um sich den angerichteten Schaden anzuschauen", sagte ein Insider. Die Ermittler vermuten, dass die niederländische Rockerbande MC Satudarah hinter dem Anschlag stecken könnte, die mit den Bandidos befreundet ist und seit Juni ein eigenes Vereinsheim in Duisburg-Rheinhausen hat.

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Erich Rettinghaus, Landesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, wertete den Anschlag als "offene Kriegserklärung" der Satudarah und Bandidos an die verfeindeten Hells Angels. "Damit ist eine neue Stufe der Gewalt erreicht. Der Gegenschlag wird nicht lange auf sich warten lassen", sagte er. Die Polizei müsse jetzt mit aller Härte gegen die Kriminellen vorgehen. Der Rockerkrieg sei eskaliert. "Es ist nur eine Frage der Zeit, wann Unschuldige zwischen die Fronten geraten und verletzt werden. Die Rocker kennen keine Gnade", sagte Rettinghaus, der im Kampf gegen die Rockerkriminalität mehr Personal und wirksamere Instrumente forderte: "Wir müssen V-Leute einsetzen und endlich auf die Vorratsdatenspeicherung zurückgreifen dürfen."

Es war nicht der erste Anschlag in dieser Woche in Duisburg. Bereits am vergangenen Wochenende warf ein Unbekannter eine baugleiche Granate in das Vereinsheim der Hells Angels. Auch bei dieser Detonation wurde niemand verletzt.

Seit Monaten verfolgen die Sicherheitsbehörden in NRW mit zunehmender Sorge, dass die verfeindeten Gruppierungen in Duisburg verstärkt versuchen, ihre Machtansprüche durch Gebietsausweitungen auszudehnen. Es geht um die Kontrolle von Glücksspiel, Diskotheken, Clubs und Rotlichtvierteln. Zwar haben die Motorradclubs ihre Territorien in NRW fernab von Recht und Gesetz untereinander klar abgesteckt. Während die Bandidos das Ruhrgebiet kontrollieren, beanspruchen die Hells Angels das Rheinland für sich.

Duisburg spielt zentrale Rolle

Doch in Duisburg, wo im Oktober 2009 nach einem tödlichen Schuss auf ein Mitglied der Bandidos und anschließenden Massenschlägereien der Rockerkrieg in NRW endgültig ausbrach, überschneiden sich ihre Interessen. "Die Stadt spielt wegen des großen Rotlichtviertels eine zentrale Rolle in der Szene", erklärt Rettinghaus. Die Bandidos haben dort mit dem "Fat Mexican" seit Jahren einen ihrer größten Treffpunkte in Deutschland. Sie wollen damit ihren Machtanspruch untermauern. Doch auch die Hells Angels haben seit Jahresbeginn in der Ruhrgebietsstadt ein eigenes Clubhaus, was die Situation zusätzlich verschärft. Denn als Reaktion darauf siedelte sich vor wenigen Wochen die mit den Bandidos befreundete niederländische Rockerbande Satudarah in der Stadt an, die laut Polizei für die jüngsten beiden Anschläge verantwortlich sein könnte.

Wie gefährlich die Rocker in Duisburg sind, zeigte eine Großrazzia der Polizei vor wenigen Wochen. Die Beamten stellten damals insgesamt 27 Schusswaffen sicher, 16 Faustfeuerwaffen und elf Gewehre, darunter Maschinen- und Sturmgewehre, Schalldämpfer und Zielvorrichtungen sowie 5000 Schuss scharfer Munition. Dabei handelte es sich um Dum-Dum-Geschosse, die besonders schwere Verletzungen hervorrufen.

In Duisburg-Wanheim reagierten die Anwohner gestern geschockt auf die Nachricht, dass sich die Rocker nun auch in ihrem Viertel bekämpfen. "Man kann hier nicht mehr auf die Straße gehen, ohne um sein Leben fürchten zu müssen", sagte eine ältere Frau. Der Hausmeister des betroffenen Gebäudes wurde durch die Explosion wach. "Ich habe Leute mit Kutten gesehen. Ob hinten Bandidos oder Hells Angels draufstand, konnte ich aber nicht erkennen", sagte er, der zu den wenigen im Viertel zählt, die öffentlich über den Konflikt sprechen. Denn die Angst, offen über die kriminellen Banden zu sprechen, ist in Wanheim groß: "Ich sag' nichts, schweigen ist hier besser", sagte eine junge Frau.

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(RP/top)