Loveparade: Neues Gutachten zur Schuldfrage

Loveparade: Neues Gutachten zur Schuldfrage

Wenige Tage vor der Abwahl von Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland ist den Anwälten der 17 Beschuldigten ein britisches Gutachten zur Ursache der Katastrophe zugestellt worden.

Das neue Gutachten zur Schuldfrage bei der Loveparade-Katastrophe in Duisburg könnte nach Informationen unserer Redaktion vor allem die Polizeiführung, möglicherweise aber auch Mitarbeiter des Loveparade-Veranstalters Rainer Schaller weiter belasten. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Duisburg bestätigte, das Papier sei den Verteidigern der bislang 17 Beschuldigten in der vergangenen Woche zugestellt worden.

Schon der Zeitpunkt des Versands erst wenige Tage vor dem Abwahltermin dürfte Fragen aufwerfen, da das Gutachten ursprünglich zum Jahresende 2011 erwartet worden sein soll. Die Staatsanwaltschaft hatte das Gutachten bei dem britischen Panik-Forscher Keith Still in Auftrag gegeben. Still lehrt unter anderem an einer Universität in Buckinghamshire und gilt als international angesehener Experte. Das Gutachten soll Aufschluss darüber geben, was die Ursache der "Menschenverdichtung" bei der Loveparade am 24. Juli 2010 in Duisburg war, in deren Folge 21 Menschen getötet und mehr als 500 schwer verletzt wurden. Zur Beantwortung der Fragen sollte Still vor allem die Videobänder der Katastrophe auswerten.

Ex-Minister Baum reagiert empört

Die Anwälte von mehr als 80 Opfern der Katastrophe, der frühere Bundesinnenminister Gerhart Baum (FDP) und Julius Reiter, reagierten empört darauf, dass das neue Gutachten lediglich den Verteidigern der Beschuldigten zur Verfügung gestellt wurde: "Es geht ja darin nicht um Verteidiger-Wissen, sondern um die objektive Darstellung der Sachverhalte.

Für die Opfer hängt die Glaubwürdigkeit des Neuanfangs in Duisburg auch davon ab, wie offen mit ihnen umgegangen wird", so Reiter. Dazu gehöre neben dem Gutachten auch die Offenlegung von Vereinbarungen zwischen der Stadt Duisburg und der Axa-Versicherung, die ohne Beteiligung der Opfer-Vertreter geschlossen worden sei.

28.000 Blatt Papier

Laut Staatsanwaltschaft Duisburg ist ein Ende der Ermittlungen gegen die 17 Beschuldigten weiterhin nicht absehbar. Oberstaatsanwalt Rolf Haferkamp: "Die Akten umfassen 28.000 Blatt Papier, gebündelt in 57 Bänden. Bislang sind 3370 Zeugen vernommen worden." Es seien jedoch weitere Personen ins Visier der Ermittler geraten, die noch vernommen werden müssten. Zudem seien auch "Nachverhöre" unter den 3370 bereits vernommenen Zeugen erforderlich.

Derweil ist die Kölner Polizeikommission "Loveparade", die die Ermittlungen zum Hergang der Katastrophe im Auftrag der Duisburger Staatsanwaltschaft führt, laut Haferkamp in der vergangenen Woche von 70 auf zwölf Beamte reduziert worden.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Loveparade: Beklemmende Youtube-Videos

(RP/csi)
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