Rp-Serie Duisburger Geschichte Und Geschichten: Napoleon und die Duisburger

Rp-Serie Duisburger Geschichte Und Geschichten : Napoleon und die Duisburger

Kaum jemand wollte noch für Napoleon kämpfen. In Duisburg wurden Rekruten per Los bestimmt. Mit der Stellung eines Ersatzmannes konnte man sich dem Wehrdienst entziehen.

Kaiser Napoleon Bonaparte hatte sich am 3. März 1809 zum Oberhaupt des Großherzogtums Berg ernannt. So wurde Duisburg mit seinen 6000 Einwohnern ein Teil des großen Frankreichs. Amtssprache war Französisch. Während der französischen Besatzungszeit (1806-1813) und der Kontinentalsperre kam im Jahre 1810 der gesamte Schiffsverkehr und auch die Wirtschaft im Rheinland zum Erliegen. 1811 gastierte Napoleon in Duisburg im Hause Böninger. Der prominente Tabakfabrikant erhoffte sich eine Lockerung des napoleonischen Tabakhandelverbots; die Professoren erbaten eine positive Entscheidung über die Zukunft der Duisburger Uni.

Vergeblich. Die Hoffnungen der Duisburger erfüllten sich nicht. Der Kaiser hörte huldvoll zu, aber seine Entscheidungen nahm er nicht zurück. Das Verhältnis der Duisburger zum Herrscher verschlechterte sich mit dem wirtschaftlichen Niedergang. Hinzu kam, dass Napoleon tiefe Eingriffe in die persönliche Freiheit Duisburger Männer vornahm, um sie für seine Kriegsziele einzusetzen.

Napoleon betrachtete das Großherzogtum und seine Satellitenstaaten als Lieferant von Soldaten. Damit wurden auch in Duisburg in jedem Jahr mehr Männer zum Heeresdienst eingezogen. Jahr für Jahr waren nach verlustreichen Feldzügen „Nachlieferungen“ für die "Grande Armee von 1813" notwendig, die Kaiser Napoleon für seinen Russlandfeldzug neu aufstellte. Die Rekrutierungspraxis rief keine Begeisterung hervor. In seinem Tagebuch hielt der Duisburger Matthias Maenß fest: "Am 14. Julius im Kreutzbrüderkloster zu Duisburg geschah die Verlosung und die Messung. Ich zog No. 63. und am 7. Dec. kam die Kommission von Düsseldorf und visitierte sie noch einmal und nahmen gleich 5 Mann gleich weg, obgleich ich gleich einen kranken Körper hab." Matthias Maenß überschritt die geforderte Mindestgröße von 154 cm deutlich, die war nötig, um die Muskete laden zu können. Nach der Messung erfolgte die ärztliche Untersuchung.

Wer als tauglich gemustert wurde, hatte eine letzte Chance. Wer einen Ersatzmann fand, Remplaçant genannt, durfte daheimbleiben. Doch die Preise der "Stellvertreter" für den Russlandfeldzug stiegen und stiegen. Das bevorzugte natürlich vermögende Eltern der Rekruten. Matthias Maenß gehörte nicht dazu. Als Napoleon die Dienstpflicht einführte, hatten viele Duisburger geglaubt, durch Heirat dem Heeresdienst entgehen zu können. Junge Männer ehelichten deutlich ältere Frauen, um dem Wehrdienst zu entgehen. Aber bald darauf verbot der Innenminister das "leichtfertige Heiraten".

Zunehmend wurden Befreiungsgründe von der Wehrpflicht eingeengt. Die Auswege aus der Wehrpflicht neben Heirat waren: Flucht, gefälschte medizinische Atteste, Bestechung und Selbstverstümmelung. Dazu gehörte auch das Herausschlagen einzelner Zähne. Die waren bei den Fußsoldaten wichtig für das Aufbeißen der Patronenhülsen. Gerüchte über brutale Disziplinierungsmaßnahmen machten die Runde. Zudem war bei Landwirten und Handwerkern die wirtschaftliche Existenz durch die Wehrpflicht massiv bedroht. "Refractaires" traten ihren Dienst dagegen gar nicht erst an. Die Duisburger Bevölkerung unterstützte verdeckt Deserteure, aber letztendlich mussten die vergebenen Quoten der Kriegsteilnehmer gegen Russland erfüllt werden.

Nicht nur in Duisburg, sondern in allen Satellitenstaaten Napoleons. So marschierten an die 600.000 Mann in Russland ein, davon ein Drittel Deutsche. Es war nicht nur die unerbittliche Kälte des russischen Winters, wie eine hartnäckige Legende behauptet, die den Angehörigen der Napoleonischen Armee 1812 auf ihrem Rückzug von Moskau das Leben kostete, sondern Hunger, Kälte und Infektionskrankheiten wie Typhus und Fleckfieber, die von Läusen übertragen werden. Das Ende ist bekannt. Der Feldzug gegen Russland brachte Napoleon 1812 eine vernichtende Niederlage, weniger als zehn Prozent der Soldaten kehrten zurück. Viele Duisburger zahlten ihren Blutzoll.

Das deutsch-französische Verhältnis war über Jahrhunderte von kriegerischen Konflikten, Nationalismus und Feindschaft bestimmt - bis zum Jahr 1962. Die Rede Charles de Gaulles im September 1962 vor Arbeitern der August-Thyssen-Hütte AG in Duisburg Hamborn wurde begeistert aufgenommen. Sie markierte eine neue Epoche: Aus den "Erbfeinden" wurden "ziemlich beste Freunde".

Zum Weiterlesen: Duisburger Forschungen, Band 15, Hildegard Feldmann

(RP)
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