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Duisburg: Musik, die auf faszinierende Weise zu fließen scheint

Duisburg : Musik, die auf faszinierende Weise zu fließen scheint

Ein massiger Mann schlurft auf die Bühne, sein fülliger weißer Haarschopf und Vollbart erinnern an den reifen Johannes Brahms, den er tatsächlich einmal in einem Film dargestellt hat. Es war nur eine Frage der Zeit, bis der bedeutende finnlandschwedische Dirigent und Komponist Leif Segerstam einmal in Duisburg auftreten würde. Jetzt im jüngsten, sechsten Philharmonischen Konzert im Theater am Marientor war es endlich einmal so weit. Und man hatte sich nicht zu viel versprochen, am Ende war der Jubel groß. Doch der Reihe nach.

Natürlich widmete sich Segerstam hier vor allem seiner Kernkompetenz, nämlich Aufführungen von Werken seines großen Landsmanns Jean Sibelius. Es waren zwei solcher Stücke, jeweils zu Beginn der beiden Konzerthälften. Das eine war die beliebte, dreisätzige Karelia-Suite op. 11 (1893). Erwähnt werden muss hier das ergreifende Englischhorn-Solo (Dalia El Guindi) im melancholischen Mittelsatz "Ballade". Das andere war die kurze "Szene mit Kranichen" op. 44 Nr. 2 (1903/06) aus Sibelius' Musik zu dem Schauspiel "Kuolema" ("Tod") seines Schwagers Arvid Järnefelt. Hier profilierten sich besonders die ebenso butterweichen wie glasklaren Streicher der Duisburger Philharmoniker. Zwei Klarinettenpaare warfen sich aus zwei Seitenlogen die Vogelrufe zu. Kraniche waren ja gewissermaßen Sibelius' persönliche Vögel, die ihm lebenslang nahestanden. Diese Aufführung strahlte eine unglaublichen Ruhe aus. Wie immer bei seinen Gastdirigaten hatte der 1944 geborene Segerstam auch nach Duisburg eine seiner inzwischen 262 (!) Sinfonien mitgebracht. Seit 1970 (seit seinem Fünften Streichquartett mit dem Untertitel "Lemming") notiert er alle seine Kompostionen "frei pulsierend", ohne Taktstriche. Dies erwies sich als schneller Weg zu großen Klangblöcken, wobei der zeitliche Ablauf der Ereignisse den Ausführenden überlassen wird, und ermöglicht ein außergewöhnlich umfangreiches kompositorisches Schaffen. Seine Musik formt weniger geschlossene "Werke" - die freilich oft die Gattungsbezeichnung "Sinfonie" tragen -, sondern funktioniert eher wie ein musikalischer Bewusstseins-Strom. Obwohl es in seinen Kompositionen statt der traditionellen melodisch-rhythmischen Motive nur Klangblöcke gibt, lassen die zahlreichen Wiederholungen und dynamischen Steigerungen an die Musik der Spätromantik denken.

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Im TaM erklang Segerstams Sinfonie Nr. 251 "Ringing for David Searcy..." (2011), gewidmet dem Andenken des an Krebs gestorbenen Ausnahmeschlagzeuger David Searcy (1946-2011), mit dem Segerstam eng befreundet war. Wie alle seine Sinfonien seit der Nr. 20 (1994) wird auch Nr. 251 ohne Dirigent aufgeführt, der Komponist wirkte aber am Klavier im Orchester mit. An die Stelle der Zeichen des Dirigenten treten alle drei bis vier Minuten solche bestimmter Orchestermusiker, wenn von einem Abschnitt zum anderen übergegangen werden soll. Segerstam will damit zeigen, wie viel kreatives Potenzial in jedem "sinfonischen Kollektiv" steckt, nicht um die Töne auszuwählen, sondern um aus dem "segerstamischen" Material ein gemeinsames "Happening" zu machen. Faszinierend das farbige Fließen, das daraus entstand, und die zunächst fast bedrohliche, bald aber zutiefst mystische Atmosphäre.

Das gefiel auch dem zunächst noch etwas skeptischen Publikum. Wie als Synthese aus all dem gab es am Ende das Schlüsselwerk "Le Poème de l'extase" op. 54 (1905-07) von dem russischen Exzentriker Alexander Skrjabin. Wieder begeisterten Segerstam und die Philharmoniker mit geradezu filmschnittartigen Wechseln, unzähligen schillernden Klangfarben und nicht zuletzt mit bewegenden Emotionen. Am Ende des Konzerts hatten sich Dirigent und Orchester so verausgabt, dass sie sogar auf die offenbar eigentlich vorgesehene Zugabe verzichteten.

(RP/ac)