Michael Rubinstein bei der Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht im Duisburger Rathaus

Gedenkveranstaltung: Pogromnacht: „Wegschauen ist nicht mehr erlaubt“

Gedenkveranstaltung an die Pogromnacht im Ratssaal: Michael Rubinstein stellte vitales jüdisches Gemeindeleben vor, verwies aber auch auf zunehmende Angriffe.

(mo) Die Duisburger Synagoge an der Junkernstraße stand in hellen Flammen, Rabbiner Manass Neumark wurde von den Nazi-Horden aus seiner Wohnung im Wasserviertel gezerrt und in „Schutzhaft“ genommen. Auch in Ruhrort und Hamborn brannten vor 80 Jahren die Synagogen. In der gesamten Stadt wurden Wohnungen jüdischer Bürger verwüstet, Juden misshandelt. Am Donnerstagabend wurde im Ratsaal an die Pogromnacht 1938 erinnert und der Opfer von Verfolgung und Mord gedacht. Männer, Frauen und Kinder sind vor 80 Jahren von den Nazis misshandelt und im Nachthemd ins Freie gejagt worden. Möbel wurden zertrümmert, Wohnungen demoliert – und viele andere Bürger sahen zu oder schauten weg. „Unfassbares“ sei damals passiert, sagte Oberbürgermeister Sören Link. „Wie können wir verhindern, dass sich dieser Hass auf andere erneut entlädt?“, fragte Link.

Hauptredner der Gedenkveranstaltung war Michael Rubinstein, Geschäftsführer des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein, in Duisburg bekannt als früherer Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde und OB-Kandidat bei der Wahl 2012. „Ich bin Deutscher“, sagte er entschieden, und verwies auf jüdisches Leben in Deutschland, dass auch durch die Zuwanderung aus den Ländern der früheren Sowjetunion derzeit „vielfältig, vital und in der Fläche verbreitet“ sei. Habe es 1990 noch 29.000 Mitglieder von jüdischen Gemeinden in Deutschland gegeben, so seien es aktuell noch knapp 100.000. Es gebe über 130 Gemeinden, die kleinsten mit weniger als 100 Mitgliedern, größere mit knapp 10.000, von liberal bis orthodox. Es gebe jüdische Kindertagesstätten, Schulen, aktive Jugendarbeit, spezielle Studiengänge, soziale Einrichtungen und die Ausbildung von Rabbinern in Deutschland. Die Gemeinden hätten ein steigendes Investitionsbedürfnis in Synagogen und Friedhöfe.

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Aber jüdische Einrichtungen müssten geschützt werden. Sicherheit spiele eine „fundamentale Rolle“ für die Juden in Deutschland, die sich sicher fühlten oder immer öfter „noch“ sicher fühlten. Antisemitismus, so Rubinstein, beschränke sich nicht auf Neo-Nazis und Flüchtlinge, sondern sei ein „Phänomen der Mehrheitsgesellschaft“. Er zitierte Ex-Kanzler Gerhard Schröder: „Wegschauen ist nicht mehr erlaubt.“

(mo)