Opfer von Messerattacke in Duisburg „Ich will endlich wieder nach draußen und mein Leben leben“

Duisburg/Oberhausen · Yasin Güler liebt den Sport. Im April rammt ihm ein mutmaßlicher Islamist in einem Duisburger Fitnessstudio ein Messer in den Bauch. Die Ärzte sagen, es sei irres Glück, dass er noch lebt. Wie geht es dem 21-Jährigen heute? Besuch bei einer Familie, die nie aufgegeben hat.

Zwei Monate lag Yasin Güler nach der Attacke in Duisburg auf der Intensivstation.

Zwei Monate lag Yasin Güler nach der Attacke in Duisburg auf der Intensivstation.

Foto: Christoph Reichwein (crei)

Sein Leben, sagt Yasin Güler, war doch okay. Genau so, wie es war. Nicht anders. Wäre er doch an jenem Tag nicht nach Duisburg gefahren, nicht rein in dieses Fitnessstudio, nicht die Treppe hoch, nicht in diese verdammte Umkleide. Aber hätte dann jemand anderes geholfen? Oder wären sie alle gerannt? Yasin hat sich das oft gefragt. „Ich bin ein guter Mensch“, sagt er. Er habe das getan, was man von einem guten Menschen erwartet.

An einem Donnerstag im September, fünf Monate nach dem Angriff, sitzt Yasin an einem Küchentisch in Oberhausen, der 21-Jährige und seine Mutter leben hier in einem Einfamilienhaus mit Garten. „Hab Flausen im Kopf und Sonne im Herzen“, steht auf einer Karte, die an der Pinnwand hängt. Auf dem Tisch liegt eine Medikamentenbox, zwölf Pillen muss Yasin täglich nehmen, für die Schilddrüse und den Blutdruck. Es ist ein irres Glück, dass er noch lebt, haben die Ärzte ihm gesagt. Yasin hat in Duisburg rund vier Liter Blut verloren. Schon nach einem Liter kann ein Mensch verbluten.

Okay, so war also sein vorheriges Leben, das klingt so genügsam. Okay bedeutet aber eine ganze Menge: Yasin war früher fast nie zu Hause, so wie 21-Jährige eben sind, er ging mit Freunden aus, er lernte Mädchen kennen, er ging zum Sport, zwölf Kilometer Joggen am Tag, das schaffte er locker. Yasin machte seinen Führerschein und er saß im Hörsaal in Bochum, paukte für Geschichte und Germanistik. Er will Lehrer werden.

Als Yasin aus dem Krankenhaus entlassen wird, kauft er sich eine Playstation. Zocken, das hatte er nie gemacht, aber jetzt ging ja nicht mehr viel. Zwei seiner Freunde haben ihre Konsole wieder angeschlossen, nur für ihn, damit er was zu tun hat. Ein paar Tage spielen sie Fortnite, einen Shooter, in dem Dutzende Spieler bis auf den Tod gegeneinander kämpfen. Yasin sagt, für den Moment war das toll. „Aber das ist es nicht. Ich will endlich wieder nach draußen und mein Leben leben.“

Es ist der 18. April, ein Dienstag, als Yasin zur falschen Zeit am falschen Ort auftaucht. Er kommt gerade aus Bochum, von der Uni, und es ist spät geworden. Auf dem Weg nach Hause, gegen 17 Uhr, muss Yasin in Duisburg umsteigen. Er entscheidet sich deshalb ausnahmsweise, dort zum Sport zu gehen. Als Kunde der Fitnesskette McFit darf er auch bei John Reed an der Schwanenstraße trainieren. Da war er zuvor vielleicht erst zwei oder drei Mal, erzählt Yasin. „Ich kannte in diesem Studio niemanden.“

Auf der Treppe zu den Umkleiden begegnet er dem Comedian Abdelkarim, der in Duisburg lebt. Yasin hat ihn sofort erkannt, er ist Fan. Er erinnert sich noch, wie nett Abdelkarim doch gewesen war. Er habe gegrinst und ihm ein schönes Training gewünscht, einfach so. Manche Promis seien heute ja so abgehoben, sagt Yasin, aber Abdelkarim, der sei ein richtig guter Typ. „Und an dem Abend hat der richtig Glück gehabt.“

 Zwölf Tabletten muss der 21-Jährige täglich nehmen.

Zwölf Tabletten muss der 21-Jährige täglich nehmen.

Foto: Christoph Reichwein (crei)

Um 17.40 Uhr gehen bei der Polizei die ersten Notrufe ein. Bei John Reed habe jemand mehrere Menschen mit einem Messer angegriffen, heißt es. Yasin sagt, er weiß noch genau, wie es passiert ist, das vergisst man nie wieder. Aus seiner Aussage werden die Ermittler der Duisburger Polizei und der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe später den Tatverlauf rekonstruieren. Sie gehen davon aus, dass D. in Duisburg einen Terroranschlag verübte und sich in einem Heiligen Krieg gegen Ungläubige wähnte. D. soll Anhänger der Ideologie des Islamischen Staates sein.

Als Yasin in der Umkleide gerade seine Sportsachen anziehen will, hört er Schreie. In der Dusche ruft ein Sportler um Hilfe. Yasin will nachsehen was los ist und rennt um die Ecke. Im Duschbereich trifft er auf Maan D. Yasin glaubt, er habe etwas auf Arabisch gesagt, aber er hat es nicht verstanden. D. sticht sofort zu, ein einziges Mal. Das Messer trifft Yasins Hüfte, es zerfetzt die Niere und durchbohrt den Darm. Ein anderer Mann will helfen, aber D. rammt ihm das Messer ins Bein. Dann flüchtet er nach draußen.

Die Bilder von jenem Abend gingen ihm Hunderte Male durch den Kopf, sagt Yasin. Seine Mutter erzählt, nachts träume er schlecht, manchmal schreit er im Schlaf. Yasin erinnert sich an diese Träume nicht, ist ja auch ganz gut, sagt er. Maan D. würde er trotzdem nicht wiedererkennen. „Das war einfach ein Typ mit Kappe und Bart, nicht besonders auffällig.“ Die Ermittler wollten später, dass Yasin ihn auf Fotos identifiziert. Er konnte es nicht.

Eine zufällig anwesende Sanitäterin versorgt Yasin vor Ort. Im Krankenhaus muss er reanimiert werden. Insgesamt fünf Mal operieren ihn die Ärzte, zuerst sind sie wenig optimistisch, dass er es schafft, zu viel Blut hat er verloren, aber Yasin kämpft sich zurück. Manchmal, erzählt er, wacht er auf und sieht die Schläuche, die überall aus seinem Körper ragen, surrende Maschinen, die ihn am Leben halten, und dann schläft er wieder ein. „Mein Leben stand so oft auf der Kippe“, sagt er. Erst nach zwei Monaten kann Yasin die Intensivstation verlassen.

Die Niere konnten die Ärzte nicht retten. Und durch den Schock hat auch Yasins zweite Niere versagt, das passiert manchmal. Drei Mal die Woche muss er deshalb nun zur Dialyse, das Blut waschen. Ob sich seine Niere je wieder vollständig regeneriert, kann ihm keiner sagen. Die Ärzte wollen aber noch etwas warten, bevor sie Yasin auf eine Spenderliste setzen. Vielleicht klappt es ja, sagen sie.

Die erste Zeit zu Hause war die Hölle, sagt Yasin. Er kam kaum aus dem Bett, konnte nirgendwohin. Plötzlich passen Verwandte und Freunde genau auf, was sie tun, was sie sagen, wo sie Yassin berühren. „Ich war wie in Watte gepackt und das war eine Qual.“ Yasins Mutter hat ihren Job im Krankenhaus aufgegeben, um sich um ihren Sohn zu kümmern, aber auch, weil es nicht mehr ging. In der Klinik hat sie die Instrumente aus dem OP-Saal gereinigt. Zu viele Erinnerungen an den Kampf ihres Sohnes kamen zurück.

Yasin sagt, für ihn ist es unfassbar zu sehen, wie viel Kraft seine Mutter hat. Den Prozess gegen D., der bald in Düsseldorf startet, will sie bis zum Ende besuchen. Yasin will nur einmal hingehen, für seine Aussage. „Ich hoffe, das reicht, damit er für immer weggesperrt wird.“ Den Hass versucht er zu unterdrücken, irgendwie muss es ja weitergehen. „Hass bringt mir doch absolut gar nichts.“

Zusammen mit dem Bund Deutscher Kriminalbeamter in Duisburg hat Abdelkarim eine Spendenkampagne für Yasin organisiert. Der wusste zunächst nichts davon, die Mutter hatte den Kontakt hergestellt. Plötzlich stand der Comedian im Sommer in Yasins Zimmer. „Er kam einfach die Treppe hoch“, sagt Yasin. „Ich fand das richtig toll“. Mehrmals hat Abdelkarim ihn besucht. Bis Anfang Oktober wurden rund 70.000 Euro für Yasin gespendet.

Mittlerweile macht Yasin auch wieder Sport. Gewichte heben kann er noch nicht, aber Joggen, das geht schon wieder. Die RSG Group, zu der auch John Reed gehört, hat sich nach dem Angriff bei Yasin gemeldet. Sie haben ihm eine lebenslange Mitgliedschaft angeboten. Zu John Reed nach Duisburg will er aber nie wieder zurück. Immerhin darf er nun auch lebenslang bei McFit trainieren. Da wollte er ja sowieso hin.