Duisburg: Mehr Hinweise auf Kindesmisshandlung

Duisburg: Mehr Hinweise auf Kindesmisshandlung

Im Vergleich zu den vergangenen Jahren erreichen das Jugendamt immer mehr Meldungen über Gewalt an Kindern in Familien. Das liegt vor allem daran, dass die Bürger aufmerksamer geworden sind.

Immer mehr Kinder in Duisburg leben mit der Gefahr, in ihren eigenen Familien Opfer von Misshandlungen zu werden. Auf Nachfrage unserer Redaktion berichtet das Jugendamt gestern, dass die Zahl der gemeldeten Fälle seit 2014 kontinuierlich gestiegen ist.

Im Jahr 2017 sind nach Angaben der Stadt 222 Hinweise auf Kindesmisshandlungen eingegangen. In 130 Fällen sollen Jungen Opfer von Kindesmisshandlung innerhalb der Familie gewesen sein. Dem gegenüber stehen 92 Hinweise, bei denen Mädchen als Opfer wahrgenommen worden sind. Von den insgesamt 222 Hinweisen, die beim Jugendamt eingegangen sind, bezogen sich 128 auf körperliche, 118 auf psychische und 23 auf sexuelle Gewalt gegen Kinder.

Die Anzahl der Meldungen in diesem Jahr ist in etwa ein Drittel höher als noch vor drei Jahren. Im Jahr 2014 wurden lediglich 143 solcher Hinweise registriert. Seit 2014 ist die Anzahl allerdings deutlich und kontinuierlich gestiegen: 2015 waren es 208, 2016 bereits 218.

Auffällig ist, dass dabei der sexuelle Kindesmissbrauch über die Jahre zugenommen hat. 2016 zählte das Jugendamt insgesamt 16 solcher Hinweise und somit sieben weniger als heute. Während die Anzahl der Hinweise aus psychische Misshandlungen leicht zurückgegangen ist, gab es in diesem Jahr neun Meldungen mehr als 2016 und knapp 40 Hinweise mehr als 2015 auf körperliche Gewalt an Kindern.

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Das Jugendamt führt die aktuelle Statistik vor allem auf einen Grund zurück. "Wir teilen den Eindruck aus vielen Kommunen, dass die Zahl von Kindesmissbrauch steigt, weil es eine höhere Sensibilität in der Bevölkerung für das Thema Kinderschutz gibt und damit mehr Verdachtsfälle gemeldet werden", sagt Gabi Priem, Pressesprecherin der Stadt. Auch das im Jahr 2012 eingeführte Bundeskinderschutzgesetz zeige Wirkungen. Es gebe zum Beispiel mehr Rechtssicherheit und Befugnisse für Ärzte und Lehrer, wenn es darum geht, Kindesmisshandlungen an das Jugendamt zu melden.

Judith Haesters, Leiterin des Vereins Lebenshilfe Duisburg, ergänzt, dass die Öffentlichkeit eine große Rolle spielt. "Fast allen Bürgern ist mittlerweile klar, dass sie sich beim Jugendamt melden müssen, wenn sie sehen, dass es einem Kind schlecht geht", sagt sie. Dadurch, dass das Thema öffentlich behandelt werde, entstehe eine Art Pflichtgefühl. Die hohe Zahl an Hinweisen sei auch dadurch zu erklären, dass familienfremde Personen, wie Hausmeister an Schulen, einen Verdacht meldeten.

Darüber hinaus sind in 178 Kinder oder Jugendliche in 2017 vorläufig vom Jugendamt aufgenommen und außerhalb der Familie untergebracht worden. Im Vergleich zu den Jahren zuvor ist die Zahl rückläufig. In den Jahren 2014 bis 2016 gab es stets über 200 solcher Fälle. In jedem Jahr werden vor allem Kinder ab 12 Jahren sowie 0- bis 3-Jährige aus den Familien geholt. Die größte Gruppe ist stets die der 15- bis 18-jährigen Jugendlichen: 2014 bis 2016 wurden knapp 100 Kinder aus dieser Altersgruppe aus den Familien genommen. In diesem Jahr ist es nur noch knapp die Hälfte.

Die Entwicklungen sind gegenläufig: Obwohl immer mehr Hinweise auf Kindeswohlgefährdung eingehen, werden weniger Kinder aus den Familien geholt. Haesters kennt den Grund dafür. Sie erklärt, dass sich die Einstellung des Jugendamts geändert habe: "Das oberste Ziel ist immer, dass ein Kind in der Familie bleiben kann." Das Jugendamt würde nicht mehr so viele Kinder aus ihrem Umfeld reißen wie früher. "Die Eltern bekommen Hilfestellungen und klare Vorgaben", erklärt sie. Halten sie sich an die Abmachungen, komme eine stationäre Unterbringung eines Kindes nicht in Frage.

(jlu)
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