Duisburg: Loveparade: Protokoll belegt Planungspanne

Duisburg : Loveparade: Protokoll belegt Planungspanne

(RP). Ein Brief der Duisburger Polizei an die Stadt Duisburg belegt eine Planungspanne, die wesentlich zur Loveparade-Tragödie am 24. Juli beigetragen haben dürfte. In dem Schreiben vom 20. Juli 2010, das unserer Zeitung vorliegt, werden für das Krisenfall-Szenario "Überfüllung des Veranstaltungsgeländes" zwei sich widersprechende Verfahren festgelegt.

Der Brief protokolliert eine Sitzung "Maßnahmen der Polizei aus Anlass der Loveparade 2010" vom 8. Juli 2010, an der neben der Polizei auch die Feuerwehr, die Bundespolizei sowie der Veranstalter Lopavent teilnahmen.

In der Sitzung wurden verschiedene Szenarien durchgespielt, die am Tag der Loveparade auftreten könnten, darunter auch die "Überfüllung des Veranstaltungsgeländes", zu dem laut Protokoll zweifelsfrei auch der Unglückstunnel zählte. Das Szenario im Wortlaut: "Am Veranstaltungstag der Loveparade herrscht sonniges und trockenes Wetter vor. Das Gelände wird stark frequentiert und um 18 Uhr scheint das Fassungsvermögen erschöpft. Es gibt bereits starkes Gedränge unter den Besuchern." In diesem Fall sollte der Veranstalter (Lopavent) die Verantwortung übernehmen. Er sollte beim Eintritt dieses Szenarios unter anderem "die Schließung der Einlassstellen Karl-Lehr-Straße" (also des Tunnels) übernehmen. Die Polizei sollte Lopavent dabei unterstützen. Aufgabe der Stadt bei diesem Szenario war es, die Schließung des Geländes durch den Veranstalter zu prüfen.

An anderer Stelle im gleichen Protokoll heißt es im Gegensatz dazu allerdings: "Die Entscheidung über eine (drohende) Überfüllung des Veranstaltungsgeländes und den damit verbunden Maßnahmen (kein Einlass mehr auf das Gelände) wird in einer Telefonkonferenz besprochen. Die endgültige Entscheidung trifft die Ordnungsbehörde." Wer hatte also im Krisenfall "Überfüllung" die Verantwortung für die Schließung der Schleusen am Tunnel? Die Stadt? Oder der Veranstalter?

Die widersprüchliche Planung der Zuständigkeiten im Krisenfall "Überfüllung" hatte offenbar tödliche Folgen — denn genau dieser Krisenfall trat bei der Veranstaltung ein: Um 15.30 Uhr rief der Veranstalter laut Polizeiprotokoll die Polizei um Hilfe, weil die Situation außer Kontrolle geriet. Gegen etwa 16 Uhr sperrte die Polizei wegen der Überfüllung von Teilen des Veranstaltungsgeländes die Zugangsrampe. Der vorgelagerte Eingang zum Tunnel war zu diesem Zeitpunkt allerdings noch geöffnet. Deshalb strömten immer mehr Menschen in den Tunnel, so dass es zu einem tödlichen Stau kam. So fasste in der vergangenen Woche Innenminister Ralf Jäger (SPD) auf einer Pressekonferenz die entscheidenden Minuten der Tragödie zusammen.

Der Feuerwehr wurde die Problematik offenbar als erster bewusst. Laut einem Einsatzprotokoll, das unserer Zeitung ebenfalls vorliegt, hat sie die Polizei kurz vor der Katastrophe noch ausdrücklich vor dem Abriegeln der Zugangsrampe gewarnt.

Wann genau auch der Eingang zum Tunnel gesperrt worden ist, lässt sich aufgrund widersprüchlicher Angaben noch nicht klären. Fest steht: zu spät. Und dann auch noch unvollständig: Um 16.31 Uhr passierte nämlich laut Polizeiprotokoll der erste Rettungswagen eine Absperrung im vorderen Tunnelbereich. Die Absperr-Lücke blieb danach aber noch minutenlang geöffnet, so dass auch danach noch weitere Partygäste in den Personenstau drängten. Die Polizeikette auf der Rampe bestand zu diesem Zeitpunkt noch.

Der Druck auf die Beamten nahm aber von Minute zu Minute zu, weil der nachrückende Menschenstrom nicht unterbrochen wurde. Gegen 16.39 Uhr brach die Sperrkette auseinander. Der Pulk löste sich aber nicht auf, obgleich der Weg aufs Gelände frei und dort noch genug Platz vorhanden war. Das belegen wiederum verschiedene Bilddokumente. Fatal: Im Gedränge im unteren Rampenbereich bekam niemand etwas von der Öffnung mit, weil den meisten die Sicht versperrt blieb. Dabei schrien die Menschen im Katastrophenbereich längst um Hilfe, die ersten hangelten sich an Lichtmasten aus dem Gedränge, andere stürmten eine schmale Treppe. Um 17.02 Uhr meldete die Polizei das erste Todesopfer.

Lopavent soll nach Informationen von "Bild" 47 Ordner mehr als die angekündigten 1000 Kräfte im Einsatz gehabt haben. Eine Lopavent-Sprecherin habe dem Blatt zudem erklärt, dass an den Tunneln die vorgesehenen 150 Ordner im Einsatz und 39 weitere in Reserve gewesen seien.

Internet Hintergründe und Dokumente zur Loveparade im Special

Hier geht es zur Bilderstrecke: Die Zugangsrampe - der Unglücksort

(RP)