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Duisburg: Loveparade: 16 Beschuldigte

Duisburg : Loveparade: 16 Beschuldigte

(RP). Rund sechs Monate nach der Duisburger Loveparade-Katastrophe ermittelt die Staatsanwaltschaft nun gegen 16 Personen. Dabei handelt es sich um Bedienstete der Stadt, des Veranstalters und der Polizei. Es besteht der Anfangsverdacht der fahrlässigen Tötung und Körperverletzung.

Gerda Hinkelmann kann es kaum glauben. "Endlich siegt die Gerechtigkeit", sagt die 79-Jährige. "Das ist eine Genugtuung für mich." Ihre Enkelin Marina (21) war bei der Massenpanik auf der Duisburger Loveparade am 24. Juli ums Leben gekommen — zusammen mit 20 weiteren jungen Menschen. Mehr als 500 wurden verletzt. Gestern teilte die Duisburger Staatsanwaltschaft mit, dass nun konkret gegen 16 Personen wegen des Anfangsverdachts der fahrlässigen Tötung und der fahrlässigen Körperverletzung ermittelt werde. Dabei handele es sich ausschließlich um Verantwortliche der Stadt Duisburg, des Veranstalters Lopavent und einen Beamten der Polizei.

Namen wollte die Staatsanwaltschaft nicht nennen. Laut RP-Informationen sollen unter den Beschuldigten die stellvertretende Leiterin des Duisburger Ordnungsamts, der Rechtsdezernent, der Stadtentwicklungsdezernent, ein Polizeidirektor und der sogenannte Crowd Manager des Veranstalters Lopavent sein. Insgesamt soll es sich um elf Mitarbeiter der Stadtverwaltung, vier Angestellte von Lopavent und einen Polizeidirektor handeln. Gegen Lopavent-Chef Rainer Schaller und den Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland wird angeblich nicht ermittelt. Es sei aber nicht auszuschließen, so die Staatsanwaltschaft, weitere Personen in den Kreis der Beschuldigten einzubeziehen.

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Die Duisburger Bundestagsabgeordnete Bärbel Bas (SPD) begrüßt die neue Entwicklung, bedauert aber, dass nicht gegen Adolf Sauerland und Rainer Schaller ermittelt wird. "Die beiden werden wohl leider ungestraft davonkommen, weil sie bestimmt keine für sie belastende Genehmigungen und Dokumente unterschrieben haben", so Bas. Bei der Stadt Duisburg reagierte man gelassen auf die Ankündigung der Staatsanwaltschaft. Dies sei ein erwarteter prozessualer Schritt, hieß es. Oberbürgermeister Adolf Sauerland sagte, dass er voll hinter seinen Mitarbeitern stehe. "Ich bin überzeugt, dass wir alle nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt und keine Amtspflichten verletzt haben", so Sauerland weiter. Dem Veranstalter Lopavent war nicht bekannt, dass nun konkret gegen eigene Mitarbeiter ermittelt werde. "Das höre ich zum ersten Mal", so eine Sprecherin. Bei dem Crowd Manager handele es sich zudem um einen Freiberufler, der nur für die Loveparade von Lopavent engagiert wurde.

Das Innenministerium begrüßte die veränderte Ermittlungsrichtung. "Wir legen Wert auf eine umfassende Aufklärung", sagte Innenminister Ralf Jäger (SPD). Allerdings sei es auch wichtig, aus der Katastrophe Konsequenzen für zukünftige Großveranstaltungen zu ziehen. "Wir haben von Anfang an gesagt: Es ist unwahrscheinlich, dass ein Polizeieinsatz dieser Dimension fehlerfrei verläuft, wenn das Sicherheitskonzept des Veranstalters gleich zu Beginn zusammenbricht", so Jäger. Künftig müssen Großveranstaltungen von der Polizei oder der Bezirksregierung frühzeitig genehmigt werden.

Die Rolle der Polizei bei der Loveparade ist allerdings noch lange nicht geklärt. Das zeigt auch die Tatsache, dass die Staatsanwaltschaft gegen einen Polizisten ermittelt. So wirft Loveparade-Veranstalter Rainer Schaller der Polizei vor, die Schleusen am Karl-Lehr-Tunnel zum Loveparade-Gelände geöffnet zu haben; gleichzeitig schlossen Beamte auf der Zugangsrampe den Ab- und Zufluss zum Party-Bereich mit einer Menschenkette. Als der Druck der stetig wachsenden Masse bedrohlich stieg, wurde die Kette wieder geöffnet — die in unterschiedlichen Richtungen strömenden Menschen trafen mit verheerenden Folgen aufeinander.

Seit dem Unglück mangelt es nicht an gegenseitigen Schuldzuweisungen. So kritisierte die Polizei Schallers Sicherheitskonzept als mangelhaft, zudem habe sie frühzeitig Bedenken geäußert und das Gelände als zu klein bezeichnet. Der frühere Bochumer Polizeipräsident Thomas Wenner erstattete sogar Anzeige gegen den Duisburger OB. Wenner hatte die Loveparade in Bochum aus Sicherheitsbedenken abgesagt — das Fest in Duisburg hätte seiner Meinung nach nie realisiert werden dürfen.

Auch der Stadt wurde von verschiedenen Seiten vorgeworfen, sich über mahnende Stimmen hinweggesetzt zu haben. Warnungen von Polizei und Feuerwehr seien nicht berücksichtigt, Auflagen für die Fluchtwege noch kurz vor der Veranstaltung gelockert worden. Vor allem in der Kritik: der düstere Karl-Lehr-Tunnel, über den die Rampe zum Festgelände erreichbar war und die Rampe selbst, die zugleich Ein- und Ausgang für die Feiernden war. Dies, so Experten, sei ein Nadelöhr gewesen, das gemessen an der Kapazität der Veranstaltung fast zwangsläufig zur Katastrophe führen musste.

Bisher befragte das 81-köpfige Ermittlerteam aus Kölner Polizei und Duisburger Staatsanwaltschaft 2200 Zeugen, analysierte außerdem Fotos und tausend Stunden Videoaufzeichnungen. Bereits im November legte die Essener Polizei einen Bericht vor. Als Ergebnis wird nun konkret gegen 16 Personen ermittelt. "Die Feststellung eines Anfangsverdachts bedeutet aber nicht zwingend, dass sich die Beschuldigten auch vor Gericht werden verantworten müssen", so die Staatsanwaltschaft. Die Verfahren können theoretisch auch allesamt eingestellt werden.

Für Edith J., die Mutter der bei der Loveparade gestorbenen Marina, wäre das furchtbar. Sie hat schon gar nicht mehr mit einem Ermittlungsverfahren gerechnet. "Jetzt kann ich in meiner tiefen Trauer um meine Tochter wieder halbwegs optimistisch in die Zukunft blicken", sagt sie. Und dabei geht es ihr gar nicht um die Schuld Einzelner. Sie will endlich wissen, "wieso trotz monatelanger Planungen alles schief ging und so viele junge Menschen sterben mussten".

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(RP)