Lehmbruck-Museum: 25.000 Worte auf der Fassade

Jochen Gerz stellt aus : Lehmbruck-Museum wird zum Buch

Am 23. September eröffnet das Lehmbruck-Museum die Ausstellung „The Walk“ von Jochen Gerz. Der Künstler wird dabei die Glasfassade das Museums mit einem Text über sein Leben und Arbeiten beschriften.

Eigentlich seien Museen nicht mehr „sein Ding“, hatte Jochen Gerz gesagt, als er von der Direktorin des Lehmbruck-Museums, Söke Dinkla, gebeten wurde, an einer großen Retrospektive über sein bisheriges Lebenswerk mitzuwirken. Seit 15 Jahren hatte der international bekannte Künstler nicht mehr in Museen ausgestellt; vielmehr zeigte er seine „Performances“ und „Interventionen“ nun noch im öffentlichen Raum. Das sonst übliche Verhältnis von Künstler und Betrachter möchte Gerz aufheben. Stattdessen sollen die Menschen, die er mit seinen Werken beziehungsweise Ideen interessieren möchte, zu besonderen Mitarbeitern werden. Eine Absage wollte Gerz Söke Dinkla aber nicht erteilen; schließlich hat das Lehmbruck-Museum dem Künstler 1974 die erste große Einzelausstellung überhaupt ermöglicht. Schließlich konnte man sich einigen: Eine Rückschau wird es zwar nach wie vor nicht geben, auch auch keine Ausstellung, die man innerhalb der Museumsmauern besichtigen kann. Statt dessen wird die gesamte Glasfassade des Museums in eine Art Buch verwandelt. Gestern wurden bei einem Pressegespräch Einzelheiten zur Realisierung des Mammutprojekts mitgeteilt.

Die bildende Kunst und das Schreiben hat Jochen Gerz stets zu verbinden gesucht. Schon in den 1960er Jahren hat Gerz von der „Verlängerung der Buchseite in den öffentlichen Raum“ geträumt. Gewissermaßen soll dieser Traum nun Wirklichkeit werden. Am 23. September wird die Ausstellung „The Walk“ eröffnet, die vermutlich für internationales Aufsehen sorgen wird. Auf der Glasfassade des Lehmbruck-Museums wird dann auf einer Länge von rund 100 Metern eine Art Autobiografie von Jochen Gerz zu lesen sein. Dieser Text fülle etwa 40 Schreibmaschinenseiten, sagte gestern Guido Meincke, freier Kurator der Ausstellung und langjähriger Mitarbeiter des Künstlers. Die ersten Sätze des Textes, der ursprünglich in englischer Sprache geschrieben wurde und inzwischen übersetzt ist, heißt: „Ich hatte eine glückliche Kindheit. Darf man das sagen? Was immer auch danach geschieht, zuerst kam die Kindheit.“ Jochen Gerz spielt damit auf die Zeit an, in der er geboren wurde: Am 4. April 1940, also mitten im Krieg.

Der Realisierung der Installation geht nicht nur eine große künstlerische und planerische Leistung voraus, sie ist auch mit beträchtlichen technischen Herausforderungen verbunden. Roland Niggemeyer, Chef des Bochumer Unternehmens Niggemeyer Bildproduktion, ist den Umgang mit großen Formaten gewohnt, doch sei dieser Auftrag einzigartig. Der Text von Jochen Gerz besteht aus 25.000 Worten, die auf Glasflächen von insgesamt 600 Quadratmetern mit einem Klebe-Folienverfahren angebracht werden. Den gesamten Text kann man beim Gang ums Museum lesen, wobei man über einen noch zu bauenden, aufgeständerten Steg gehen muss, was auch zum Titel „The Walk“ (der Gang) führt.

Einige Probebuchstaben wurden inzwischen an einem kleinen Stück der Glasfassade angebracht. Hauptüberschriften und Jahreszahlen werden dabei meterhoch sein, die Buchstaben des Grundtextes werden dagegen nur einige Zentimeter groß sein, damit sie vom Steg aus bequem gelesen werden können. Guido Meincke und Roland Niggemeyer haben in den vergangenen Tagen verschiedene Farbtöne und Materialien ausprobiert. Die Buchstaben werden in burgundroter Farbe spiegelverkehrt von Innen auf die Scheiben geklebt, damit die Schrift von außen gelesen werden kann. Falls es Mitte September noch immer so heiß wie in diesen Tagen sein sollte, müssten die Buchstaben in den frühen Morgenstunden angeklebt werden, hieß es gestern.

„The Walk“ bleibt bis zum 5. Mai 2019 dem Lehmbruck-Museum erhalten.

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