Kriminalität in Duisburg-Marxloh: Clans und das Gesetz der Straße

Kriminelle Großfamilien in Marxloh: Duisburger Clans - das Gesetz der Straße

Kriminelle Großfamilien erzielten in Duisburg Marxloh mit Immobiliengeschäften Millionengewinne. Eine Polizeiakte gewährt einen Einblick ins Milieu.

Der Aufstieg der kriminellen arabischen Clans in Marxloh begann mit dem wirtschaftlichen Abstieg der Stadt. Zum Symbol des Niedergangs Duisburgs in den 90er Jahren wurde die endgültige Schließung der Kruppschen Hüttenwerke in Rheinhausen am 15. August 1993. Seitdem ging es erst einmal bergab; die Arbeitslosenquote stieg steil an, viele Menschen zogen weg, ganze Straßenzüge mit Wohnungen standen plötzlich leer, die für einen Spottpreis zu haben waren.

Familienverbände, deren Wurzeln im Gebiet des heutigen Irak liegen und die man inzwischen als libanesische Großfamilien kennt, machten sich das zunutze. Obwohl die Mitglieder damals, so heißt es in einer vertraulichen Polizeiakte, die unserer Redaktion vorliegt, in sehr ärmlichen Verhältnissen lebten und nicht über nennenswerte Einkünfte verfügten, konnten sie viele dieser Immobilien erwerben. Der Polizei gelang es trotz intensiver Ermittlungen nicht, die Finanzquellen aufzuspüren. Der Wert der Wohnungen stieg erheblich mit den Jahren, in denen sich die Stadt allmählich vom Niedergang erholte, und beträgt heute mehrere Millionen Euro. Mit dem finanziellen Potenzial bauten die Clans ihre Strukturen aus und gewannen an Einfluss im Milieu.

Die Clans agieren heute im gesamten Stadtgebiet - hauptsächlich in Laar, Hochfeld und Marxloh. Im bundesweit als Problemviertel bekannten Marxloh konkurrieren einige Großfamilien miteinander. Dabei handelt es sich laut Polizeibericht vor allem um "Mardin-Kurden", im Polizeijargon auch "Schein-Libanesen" genannt, die zwischen 1975 und 1990 aus der Türkei ins Ruhrgebiet kamen. Dem Staat gelang es nie, sie abzuschieben, obwohl ihre Asylanträge regelmäßig abgelehnt wurden. Die Abschiebungen scheiterten, so steht es in dem Polizeibericht, an für ungültig erklärten Reisepässen.

Seit einiger Zeit füllen manche dieser Familienverbände in Marxloh ein latentes "Machtvakuum" aus, das unter anderem durch eine Schwächung der dort ansässigen Hells Angels entstanden sei. Sie sind streng patriarchalisch geführt und schotten sich nach außen ab. In der Polizeiakte heißt es: "In ihrem hierarchisch geprägten System werden Ehrverletzungen als Beleidigungen der ganzen Familie betrachtet und müssen mit einem Angriff auf den Ehrverletzenden geahndet werden."

Und dabei machen sie auch bei Polizisten keine Ausnahme. So bedrohte etwa vor drei Jahren ein Familienoberhaupt einen Polizisten, weil dieser "verkehrsrechtliche Maßnahmen" gegen ihn getroffen hatte. Der Clanboss, der laut Ermittlungsakte seinen Machtanspruch durch massive Gewalteinwirkungen durchsetzte, indem er seinen Widersachern etwa die Hände zertrümmerte, setzte mindestens drei Clanmitglieder auf den Verkehrsbeamten an und ließ sie die Dienststelle observieren. Seit einem Jahr sitzt der Clanboss im Gefängnis.

Das Auftreten in der Öffentlichkeit hängt stark von der Gruppenstärke ab. Je größer sie ist, umso unangepasster wird das Verhalten. Auch die Zahl der Polizisten, auf die die Clanmitglieder treffen, spielt eine Rolle. So wird einer Fußstreife mit nur zwei Beamten aggressiver gegenübergetreten als einer Streife mit Bereitschaftspolizisten (BP) einer Hundertschaft, die seit einem Jahr in Marxloh die Polizei erfolgreich unterstützt. Generell unterscheiden die Clans zwischen Streifenbeamten und den Einsatztrupps. Letztere nennen sie die "Strengen" und die "Unentspannten". Wenn die BP-Kollegen abrückten, würden die Übergriffe auf die Polizeibeamten sofort wieder zunehmen.

In Marxloh ging es nicht immer so zu. Vor dem Zweiten Weltkrieg war der Stadtteil gar eine der reichsten Gemeinden Deutschlands. Das Viertel lebte von den Werken der August-Thyssen-Hütte, deren Führungskräfte dort wohnten und die für ihre Mitarbeiter große Siedlungen baute. Nach dem Krieg und dem Wiederaufbau kamen die sogenannten Gastarbeiter. Sie zogen in die Wohnungen ein, die die Marxloher verlassen hatten, weil sie schöner und frei von Industriebelästigung wohnen wollten. Diese Migranten gaben dem Stadtteil ein neues Gesicht. Nach und nach zogen immer mehr Ur-Marxloher weg, damit gingen der Niedergang der Stahlindustrie und das Zechensterben einher. Mit dem Fortgang vieler Einwohner kam der Leerstand, die Mieten fielen. Ganze Straßenzüge verkamen. Fortan siedelten sich fast nur noch sozial schwächere Bevölkerungsschichten an. Mit ihnen - aber nicht nur wegen ihnen - stieg die Kriminalität.

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"Die polizeiliche Lage wird in Duisburg maßgeblich durch die sozialen Brennpunkte bestimmt, die eine verstärkte polizeiliche Präsenz und Intervention erfordern", heißt es in der Akte. Verantwortlich dafür seien in den sogenannten Hotspots südosteuropäische Zuwanderer (vor allem aus Rumänien), kriminelle Rocker und einzelne Bevölkerungsgruppen (unter anderem die Schein-Libanesen), die auf öffentlichen Wegen und Plätzen Straftaten begingen. "Die Strukturen der organisierten Kriminalität sind sehr stark.

In Duisburg gibt es die ganze Palette", so ein Ermittler. Es gebe Straßen, die selbst Einheimische meiden. Sie nähmen in den Abend- und Nachtstunden auch einzelne Straßenbahnlinien, die durch die Brennpunkte im Norden fahren, als Angsträume wahr. Polizisten, Mitarbeitern des Ordnungsamts und der Verkehrsgesellschaft sowie Rettungskräften und Feuerwehrleuten "schlagen eine hohe Aggressivität und Gewalt entgegen", schreibt die Polizei. "Der Rechtsanspruch des Staates auf Gewährleistung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung wird in den Brennpunktvierteln als gefährdet angesehen."

Für Gregor Golland, Innenexperte der CDU-Landtagsfraktion, ist das ein nicht hinnehmbarer Zustand und ein Zeichen für den Verfall der Rechtsstaatlichkeit. "Das sind No-Go-Areas für anständige Bürger. Es kann nicht sein, dass es so etwas in deutschen Städten gibt."

Mit welch brutalen Methoden und welchem Verständnis die Clans vorgehen, beschreibt ein Fall aus dem April 2015. In einer Shisha-Bar in Ruhrort war es zu einer Auseinandersetzung gekommen, an der viele Personen beteiligt waren, darunter eine Gruppe von Männern libanesischer Abstammung. Die zunächst unbeteiligten Betreiber der Bar alarmierten die Polizei, die daraufhin die Personalien einiger Beteiligter feststellen konnte. Diese forderten deshalb von den Barbetreibern eine "Entschädigung" von 20.000 Euro, weil sie die Polizei gerufen hatten. Nach Verhandlungen zwischen beiden Parteien wurde die Summe auf 5000 Euro gesenkt. Für den Fall der Nichtzahlung, so steht es in dem Polizeibericht, "drohten die teilweise bewaffneten Täter, dass sie den Laden abfackeln und die Geschädigten und die anwesenden Kunden umbringen" werden.

Doch die Gastronomen ließen sich dadurch nicht einschüchtern, schalteten die Polizei ein, die den Erpressern am vereinbarten Zahltag eine Falle stellten. Solche Ermittlungserfolge sind selten. In den meisten Fällen schweigen die Opfer, wenden sich nicht an die Polizei. "Es ist für uns besonders schwierig, in dem Milieu Taten und Verwicklungen zu beweisen. Sehr viel läuft da hinter den Kulissen ab, von dem wir nichts mitbekommen", betont ein Ermittler.

Viel Grund zur Hoffnung, dass sich mittelfristig deutlich etwas an der Situation in Marxloh verbessern könnte, gibt der Polizeibericht nicht. Zwar gibt es eine Reihe vielversprechender Integrationsprojekte von Kirchen, der Stadt und anderen privaten Einrichtungen. Viele Anwohner packen mit an, damit es aufwärts geht. Auch die Straßen- und Gewaltkriminalität konnte innerhalb des vergangenen Jahres eingedämmt werden. Dafür verantwortlich ist aber vor allem die Präsenz der Hundertschaft, über deren schrittweisen Abzug bereits intern diskutiert wird.

Positive Veränderungen seien trotz dieser Erfolge allein durch die Anzahl und Größe der Brennpunkte in absehbarer Zeit kaum zu erwarten, urteilen die Ermittler, was vor allem mit dem hohen Migrationsanteil zu tun habe - der Prognosen zufolge eher noch zunehmen als abnehmen werde. So hätten bereits 80 bis 95 Prozent der Kinder und Jugendlichen an den Schulen in den Problemvierteln einen Migrationshintergrund.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Duisburg-Marxloh - Porträt eines Problem-Stadtteils

(csh)