Duisburg: Kinder in der Schauer-Oper

Duisburg: Kinder in der Schauer-Oper

Benjamin Brittens Oper "The Turn of the Screw" hat am heutigen Freitag Premiere im Düsseldorfer Haus der Rheinoper. Das mysteriöse Stück lebt vor allem von der Atmosphäre auf einem abgeschiedenen Landsitz und vor der Mitwirkung zweier Kinder. Die Duisburger Premiere ist am 1. Juni.

"Wie findet man vier geeignete Kinder für diese Oper", fragt Stephen Harrison, "zwei Mädchen und dazu zwei Jungen, die noch nicht im Stimmbruch sind?" Im eigenen Haus lassen sich die Ansprüche, die "The Turn of the Screw" von Benjamin Britten vorgibt, kaum erfüllen. "Das hat nicht einmal sprachliche Gründe", erklärt der Chefdisponent der Deutschen Oper am Rhein. "Es gehört eine gewisse Kultur dazu, ein Bezug der jungen Menschen zu dieser Musik."

Auf der Suche nach der perfekten Besetzung reiste er mit Regisseur Immo Karaman nach England. Dort knackten sie den Jackpot: In London hat sich eine Agentur auf Kinder spezialisiert, die ausschließlich dieses Werk singen. "Die Entscheidung fiel uns schwer. Alle waren perfekt vorbereitet und zeigten ein unglaubliches Verständnis für die Musik und den Stoff", schwärmt Harrison.

Vor der Düsseldorfer Premiere am heutigen Freitag, 19.30 Uhr, sprühen die vier Auserwählten vor Energie und Vorfreude. Zweimal Flora, zweimal Miles: Die 12- bis 15-Jährigen wechseln sich bei ihren Rollen ab, jeder singt fünf Vorstellungen. Betreut werden die Kinder von einer Lehrerin (die Schulaufgaben!) und von Agentur-Chefin Saskia Burke, der Mutter von Elinor.

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Das Mädchen ist ein Vollprofi. Die Partie der Flora sang Elinor Burke bereits im La Fenice in Venedig, im King´s Head Theatre in London und im Theater an der Wien. Nie werde ihr diese Rolle langweilig, versichert sie. Yolanda Shamash wirkte bei der Aufführung der Britten-Oper "A Midsummer Night´s Dream" in London mit. "Hier ist alles neu für mich", sagt sie, "ich genieße die Herausforderung." Harry Oakes bringt ebenfalls viel Bühnenerfahrung mit: "Parsifal", "Tosca" und "Werther" sind dem Mitglied des Trinity Boys Choir bereits vertraut. Mit altklugem Charme lobt er die Rheinländer: "Jeder ist exzellent und gibt sich Mühe, ein hervorragendes Team zu formen." Kaisun Raj gehörte zuletzt zum Cast von Andrew Lloyd Webbers Musical "Love Never Dies". Die Britten-Oper sei "ganz schön scary", echt zum Fürchten, grinst er.

"The Turn of the Screw" (Die Drehung der Schraube) ist in der Tat ein mysteriöses Stück. Eine Gouvernante (Sylvia Hamvasi) erhält den Auftrag, auf einem abgeschiedenen Landsitz zwei Waisen zu betreuen. Nichts ist normal in dem düsteren, abweisenden Haus. Die vereinsamten Kinder werden von den Erscheinungen Verstorbener heimgesucht — bis alles in eine Katastrophe mündet. Der Düsseldorfer Kapellmeister Wen-Pin Chien dirigiert seine erste Oper von Benjamin Britten. "Die Musik greift die bedrückende Atmosphäre auf", sagt er. "Das Werk ist insbesondere für Britten-Einsteiger sehr zu empfehlen."

Kaspar Zwimpfer schuf mit dem labyrinthischen Bühnenbild einen unbehüteten Ort. "Man möchte, dass jemand kommt und die Kinder in den Arm nimmt", sagt Immo Karaman. Seine Inszenierung des Schauerdramas war 2007 bereits in Leipzig zu sehen. Nach "Peter Grimes" und "Billy Budd" schließt "The Turn of the Screw" den dreiteiligen Britten-Zyklos des deutschtürkischen Regisseurs an der Rheinoper ab. "Ich musste mich zunächst dem Konzept des Komponisten unterordnen und mich auf unsicherem Terrain bewegen, um ja keine Interpretation zu liefern", sagt er. "Das hat mich unfassbar beflügelt. So entsteht ein geheimnisvoller Sog zwischen den Figuren, der Schlund des Unaussprechlichen wird aufgerissen." Beschwörend hebt er die Hände: "Keine Antworten bitte! Damit wäre alles enträtselt." Die Proben beglücken ihn. "Es ist ein tolles Gefühl, mit den jungen Sängern zu arbeiten, ihre wachen Augen zu sehen, ihren positiven Ehrgeiz und ihren wunderbaren Humor zu erleben. Ein Traum. Ich ziehe meinen Hut vor diesen Kindern."

(RP/rl)
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